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Johann Janus' Kolumne

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Mission 1: Studenten halten


Die Mission ist klar: Halle hat sich von Magdeburg in den Einwohnerzahlen überholen lassen, und das geht natürlich nicht. Also krempeln wir, die Initiative zur Populisation offensichtlicher Prädestiniertheit (iPop), die Universitätspolitik Halles um.
Das Problem ist ja folgendes: Über 3.000 hoffnungsvolle Abiturienten immatrikulieren sich jährlich an der Martin-Luther-Uni, fast 50 Prozent kommen aus dem Westen. Dann studieren sie ihre durchstrukturierte Regelstudienzeit und verschwinden, meistens nach Berlin, manchmal nach Hamburg oder generell irgendwohin, wo es Jobs gibt. Bildungsklau! Könnte man sagen. Oder auch einfach: Ein Nullsummenspiel.
"So geht das nicht", befand Torben, erster Vorsitzender des iPop. Neue Arbeitsplätze zu schaffen, ist aber nicht so einfach, wenn man kein Geld hat. Und die Sache mit dem Anwerben von Neustudierenden überlassen wir der darin wohlerprobten Marketingabteilung der Uni. Aber in einer zentralen Angelegenheit vernachlässigt die Uni sträflich ihr ureigenstes Interesse - und das wird fortan unsere Mission!
Ausgerüstet mit Trillerpfeifen und Transparenten stürmen wir das Geisteswissenschaftliche Zentrum. Ein Bollerwagen mit manipulierten Rädern quietscht durch die Gänge, an Durchzugsfenstern montierte Pfeifen belästigen die Bibliotheksnutzer mit ständiger Geräuschkulisse. Im Foyer stellen wir Schaufensterpuppen mit Transparenten auf, um den Eindruck einer Demo zu erwecken, damit möglichst viele Studenten erst gar nicht das Gebäude betreten.
"Was macht ihr hier?", fragt eine Bibliothekarin, als wir gerade wahllos Buchpassagen mit Edding schwärzen.
"Wir sorgen für Halles Repopulisation", erkläre ich.
"Heißt es nicht Populisierung?"
"Egal. Tragen Sie bitte Ihren Beitrag bei und demolieren Sie die Kopierer", ergänzt Torben und fährt fort mit der Schwärzung. "Wenn alle Studierenden sich schlecht auf Klausuren vorbereitet fühlen, melden sie sich nicht an und überziehen die Regelstudienzeit. Je länger sie studieren, desto höher die Einwohnerzahl. Je höher die Einwohnerzahl, desto attraktiver die Stadt. Je attraktiver die Stadt, desto eher bleiben sie auch nach dem Studium. Ganz einfach."
Die Bibliothekarin guckt irritiert: "Ist das euer Ernst?" Wir nicken abwesend und schwärzen weiter. "Und da geht ihr ins Geisteswissenschaftliche Zentrum?" Sie schüttelt abschätzig den Kopf. "So ein Unsinn, das bringt doch nix. Wenn die mehr Kohle hätten, würden die hier liebend gerne noch fünf Semester länger studieren!"
Ich halte das für eine perfide Verleumdung von Geisteswissenschaftlern als vermeintlich faules Pack, aber etwas ist doch dran an der Sache: Eine Langzeitstudiengebühr trägt nun mal nicht gerade dazu bei, länger als nötig in der Stadt zu bleiben, wenn man Student ist. Das sind 1.000 sehr abschreckende Euro im Jahr. Vielleicht müssen wir doch noch in die Verwaltung gehen.
Unser selbstgewählter Auftrag geht weiter...


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner