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Dr. Winters Kolumne

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Dr. Winters Kolumne

Die richtige Richtung


Liebe Freunde,
ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich habe im Augenblick das Gefühl, mir platzt gleich der Kopf. Die Welt ist so kompliziert geworden. Man weiß überhaupt nicht mehr, was man denken soll. Man denkt in die eine und dann wieder in die andere Richtung, und dann denkt man plötzlich, dass es doch völlig falsch gewesen ist, in gerade diese Richtung zu denken, und denkt in Folge dessen in eine komplett andere Richtung, die sich bei näherer Betrachtung als eine mehr oder weniger unsinnige herausstellt, weswegen man wieder in eine andere Richtung zu denken beginnt, von der man sich erhofft, dass es diesmal die richtige ist. Allerdings wird von einigen, die in eine noch andere Richtung denken, behauptet, dass in diese Richtung zu denken nicht die beste Richtung sein soll, weswegen man sich die Möglichkeit einer weiteren Richtung offen hält, in die man denken könnte.
Manchmal kann man sich des Gefühls nicht erwehren, sämtliche Richtungen, in die gedacht werden kann, aufgebraucht zu haben. Aber dann denkt man doch wieder in eine neue Richtung. Es ist zum Verzweifeln! Allmählich beginnen die Nerven blank zu liegen, allmählich verliert man die Übersicht, allmählich wird einem das alles zu viel. Aber es hört ja nicht auf. Irgendwer ruft an und fragt, wie man über dieses und jenes so denkt. Er denke so und so über dieses und jenes, es könne aber auch sein, dass er sich mit diesem so und so über dieses und jenes zu denken völlig unmöglich macht, dass seine Sicht absolut falsch ist, dass er, wenn er in diese Richtung weiterdenkt, die größten Schwierigkeiten bekommt, weil man über dieses und jenes nicht so und so, sondern vollkommen anders denkt.
Nein, sage ich, jetzt rede nicht so einen Unsinn, es ist doch dein gutes Recht über dieses und jenes so und so zu denken, genauso, wie es mein gutes Recht ist, darüber eine komplett andere Meinung zu haben. Es liegt doch, erkläre ich, in der Natur der Sache, dass über dieses und jenes so und so und gleichzeitig anders gedacht werden kann. Das wäre ja noch schöner, rufe ich, wenn über dieses und jenes kein Meinungspluralismus mehr bestehen dürfe, wenn nur noch eine Meinung als die allein selig machende, für alle gültige zu gelten habe. Das mag ja im Allgemeinen richtig sein, antwortet er mir, aber über dieses und jenes habe er noch nie anders als so und so zu denken vermocht, weiter als so und so könne er nicht gehen, das hieße ja, sein gesamtes Weltbild auf den Kopf zu stellen, in eine andere Richtung als die eben genannte zu denken, verbiete sich ihm von vornherein, da könne er ja gleich ganz aufhören zu denken.
Wenn er über dieses und jenes nicht mehr so und so denken könne, würde ihn das zu einem vollkommen anderen Menschen machen, zu jemandem, der ihm selber fremd ist, jemanden, für den er sich zu schämen habe. Ja, dann mache es doch nicht, schreie ich ins Telefon, was hindert dich denn daran, so oder so über dieses und jenes zu denken? Was mich daran hindert, schreit er zurück, das will ich dir sagen, jeder der so und so über dieses und jenes denkt, macht sich doch sofort verdächtig, dass er auch so über ganz andere Sachen denken könnte, und das wäre schließlich das Letzte, der Spott, der Hohn. Stimmt auch wieder, sage ich, so gesehen solltest du doch nicht mehr so und so über dieses und jenes denken, und ich weiß auch nicht, wieso, aber plötzlich habe ich schon wieder das Gefühl, mir platzt gleich der Kopf. Bis zum nächsten Mal!
Euer Doktor Jaeggi Zippelius Winter