Film 160x600_content
Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Unglück im Glück


Liebe Freunde,
eigentlich sollte man wohl die erste Kolumne im neuen Jahr nicht mit einer solchen Zeile beginnen, aber es hilft ja auch nichts, so zu tun, als ob nichts wäre und ewig drumherum zu reden. Deswegen sehe ich der Tatsache ins Auge und sage wie es ist: Ich bin unglücklich. Unglücklich, unglücklich, ganz schrecklich unglücklich.
Und wisst Ihr auch, warum ich so unglücklich bin? Ich will es Euch sagen! Weil ich immer so glücklich bin. Ja, ernsthaft! Es macht mich total unglücklich, glücklich zu sein. Mein ganzes Leben bin ich durchweg glücklich gewesen und wäre doch so gern unglücklich gewesen, wie alle anderen. Aber das Glücklichsein bekomme ich einfach nicht los. Es ist wie ein Stigma, eine geistige Anomalie.
Zum Beispiel bin ich jedes Mal überglücklich, wenn ich am Morgen aufwache. Was für eine samtene Luft, denke ich, was für ein blauer, blauer Himmel, was für ein bezauberndes Glitzern der Sonnenstrahlen draußen vor dem Fenster! Normal wäre, sich mit dem Kommentar: "Was?! Schon hell?! Geht jetzt die Scheiße echt schon wieder los?!", die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und unglücklich zu sein. Das wirkt doch auch wesentlich cooler, oder? Niemand wirkt lässiger als die Unglücklichen.
Deswegen bin ich so unglücklich darüber, dass ich glücklich bin. Die Unglücklichen sind die Coolen, die Interessanten, die Rebellen, die Unglücklichen hadern mit ihrem Leben, sie begehren gegen alles und jeden auf, sie nehmen ihr Schicksal nicht an, stänkern herum, provozieren. Die Glücklichen sind immer glücklich mit allem. Das erweckt natürlich einen etwas einfältigen Eindruck. Nicht wenige verwenden sogar die Formulierung "selten dämlich", beziehungsweise "dümmlich" dafür.
Man braucht sich doch bloß irgendeinen Film anzusehen. Nennt mir einen Film, in dem der Held glücklich ist! Ihr werdet keinen finden. Soll ich Euch sagen, warum? Weil die Unglücklichen immer lustiger sind, sympathischer, temperamentvoller, origineller als die Glücklichen. Die Glücklichen besitzen überhaupt kein Potenzial für eine spannende Handlung. Die stehen irgendwo herum und sind glücklich. Und genau so jemand bin ich, und zwar immer und überall.
Wenn ich ein Bild von van Gogh sehe zum Beispiel. Die Farben, die Landschaften, ihr wisst schon. Van Gogh war nie glücklich. Tatsächlich ist er in den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts der unglücklichste Mensch zwischen Arles und Paris gewesen. Aber als glücklicher Mensch hätte er nie solche Bilder malen können, nie Terpentin getrunken, wäre er nie berühmt geworden. Also konnte er doch eigentlich glücklich sein, dass er unglücklich war, oder?
Mein Verdacht ist, dass die Unglücklichen die eigentlich Glücklichen sind. Sie wissen es nur nicht. Die meckern herum und sind zornig und fuchteln mit den Armen herum, dabei haben sie es doch viel leichter als die Glücklichen, schon allein deswegen, weil Glück zu den vergänglichsten Angelegenheiten dieser Welt gehört. Unglück ist irgendwie beständiger, zum Unglücklichsein findet sich immer ein Anlass, und so gesehen bin ich jetzt eigentlich ganz glücklich, dass ich endlich einmal unglücklich bin.
Euer Doktor Bellebaum Ruckriegel Winter