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Dr. Winters Kolumne

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Schnee und Dominosteine


Liebe Freunde, gerade jetzt, wo ich mir in bester Weihnachtsstimmung den Mund mit zehn oder zwölf viereckigen Dominosteinen vollgestopft habe und kauend und schmatzend aus dem Fenster sehe, fällt der Schnee in großen weißen Flocken auf die Erde. Und irgendwie wird alles ganz still, der Schornstein des Heizwerkes sieht gleich nicht mehr so bunt aus und die Hügel des Erzgebirges kommen näher und näher. Und ich schlucke und schlucke die süße, klebrige Masse herunter und denke, endlich ist einmal alles, wie es sein sollte, alles in Ordnung, alles richtig, alles gut.
Aber noch während ich das denke, wird mir klar, dass es das natürlich nicht ist, weil auf dieser Welt nie etwas ist, wie es eigentlich sein sollte. Immer stört etwas die Harmonie, immer kommt etwas dazwischen, aber das brauche ich ja niemandem zu erzählen, das weiß schließlich jeder. Warum sollte es ausgerechnet zu Weihnachten anders sein? Nein, Weihnachten ist überhaupt keine Garantie für grenzenlose Unbeschwertheit und heitere Stimmung. Da gibt es Weihnachtsmänner, die nach der Bescherung einfach nicht wieder gehen wollen, einen Schnaps nach dem anderen trinken, sich irgendwann den Bart herunterreißen, "Ich bin's, Onkel Bruno!" rufen, und weil keiner der Anwesenden ihnen glaubt, dass sie Onkel Bruno sind, noch einen Schnaps nach dem anderen trinken.
Es gibt unzählige Polizeieinsätze wegen mit ihren Geschenken unzufriedener, randalierender Kleinkinder, es gibt Lichterketten, die kurz nachdem alle Geschäfte geschlossen haben, ihren Geist aufgeben, es gibt Verwandte, die jedes Jahr Gutscheine schenken, die sie dann nie einlösen, und andere, die Gutscheine zum Verfassen politischer Lyrik oder zum Anschauen von Verkehrsknotenpunkten verschenken. Es gibt Freunde, die glauben, sie bereiten mit Autogrammfotos von Gabi Seyfert und Jutta Müller oder, was noch schlimmer ist, mit der Weihnachts-CD von Helene Fischer Freude. Und es gibt andere, die auf dem frisch gefallenen Schnee ausrutschen und bei diesem Sturz ihr liebevoll verpacktes Geschenk, ein aus einfarbigen Trinkröhrchen gebasteltes Modell des Chemnitzer Busbahnhofes, unter sich begraben und für immer vernichten.
Ich sagte ja schon, selbst wenn man dank mehrerer verzehrter Packungen Dominosteine zu der Ansicht gelangen sollte, alles wäre in bester Ordnung, kann die eine oder andere unbedachte Handlung zu nicht unerheblichen Irritationen führen. Aber im Grunde sind das alles Lappalien. Im Grunde kann das alles unter der Rubrik "Nebensache" verbucht werden. Die Hauptsache ist etwas ganz anderes. Denn stellt Euch vor: Während ich mir die nächsten vier oder fünf Dominosteine schmecken lasse und dabei weiter zum Fenster hinaussehe, dorthin, wo die Flocken dichter und dichter fallen und die Stadt ruhig und friedlich werden lassen, wird mir auf einmal klar, dass es vor allem dieser Frieden ist, den die Welt zu Weihnachten braucht, dass ohne diesen Frieden nichts mehr in Ordnung ist, nichts mehr, wie es sein sollte, nichts mehr richtig, nichts mehr gut.
Weihnachten und eine friedliche Welt gehören zusammen, sonst stimmt nichts mehr. Und dass ohne eine friedliche Welt nichts mehr stimmt, ist ja eigentlich nicht nur zu Weihnachten so, sondern immer, oder? Ein friedliches Fest wünscht

Doktor Schalom Pace Paix Winter