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Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Mariah ist weg!


"Was würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?", fragt mich Brenda. Ich weiß sofort, was ich antworten muss: "Dich!"

"Nein", winkt sie ab, "das zählt nicht. Ich meine doch einen Gegenstand." Dazu habe ich auch gleich eine Idee. "Dann nehme ich deine Weihnachts-CD von Mariah Carey mit!" "Aber du magst die doch gar nicht", wundert sich Brenda. "Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich einen CD-Player mitnehme." "Und wie willst du die CD dann hören?" "Gar nicht!" "Und was willst du dann damit auf der einsamen Insel?" "Na, ich vergrabe sie im Sand. Und wenn ich dann gerettet werde, lasse ich sie einfach da!"
Jetzt ist Brenda sauer. Dabei hat sie noch viele andere Weihnachts-CDs, die ähnlich zuckerig sind wie die von Mariah: Barbra Streisand, Michael Bublé und Diana Krall. Ich packe die im CD-Haufen extra immer nach ganz unten und dekoriere Weihnachts-CDs von Richard Cheese und Bugge Wesseltoft und Quadro Nuevo obendrauf. Die alle heißen wirklich so. Wahrscheinlich klingt ihre Weihnachtsmusik deshalb prima in meinen Ohren. Bei solchen Namen muss man sich einfach Mühe geben. Ich weiß das, ich heiße Kudernatsch.
Immer wieder gräbt Brenda ihre Lieblingsscheiben aus dem weihnachtlichen CD-Haufen aus und lässt dafür Bugge und Richard und Quadro verschwinden. Manchmal finde ich sie dann erst im neuen Jahr wieder. Das zeigt: Mühe geben und Namen tragen - das reicht nicht. Man muss auch entdeckt werden.
Ich habe es als Kind wirklich versucht. Vor der Bescherung am Heiligabend gab ich meinen Eltern immer ein Weihnachtskonzert auf meiner Trompete. Ich tutete mich durchs Repertoire - laut und leidenschaftlich und selten mit den richtigen Tönen. Deshalb baten mich meine Eltern hinaus auf die Terrasse. Sie saßen im warmen Wohnzimmer unterm Tannenbaum und lauschten durch die Fensterscheiben, wie ich knietief im Schnee stehend ein Lied nach dem anderen trötete.
Hätte ich damals schon den Schweden Nils Landgren gekannt, hätte ich meine Trompete sofort gegen eine rote Posaune tauschen wollen, mit der der Jazzer so erfolgreich hantiert. Vielleicht hätte ich damit schöner geblasen, hätte drin musizieren dürfen - und sogar Freunde gefunden. Das hat der Nils schließlich auch geschafft, mir blieb es verwehrt. Von ihm und seinen Freunden gibt's gute Weihnachtsmusik: "Christmas With My Friends". Von mir gibt es keine. Auf Nils Landgren habe ich mich mit Brenda immer noch einigen können. In diesem Jahr erst recht - jetzt, wo die Mariah-Carey-CD verschwunden ist!
Vielleicht taucht sie eines Tages an einem einsamen Strand auf den Kanarischen Inseln wieder auf. Hoffentlich findet sich dann jemand, der mit einer Sandschippe ordentlich draufhaut!


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC