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Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Jürgen Drews im Harz


Es ist zum Verzweifeln. Jahr für Jahr versammelt sich ein Haufen wichtiger Politiker und stellt fest, dass CO2 ein dringend zu lösendes Problem ist.

Und dann passiert: nichts. Also nehme ich mir vor, selbst etwas zu ändern, kaufe unverpacktes Gemüse auf dem Marktplatz, benutze endlich den Stromsparschalter an meinem PC und fahre jeden Tag mit dem Rad zum Bäcker. Und ich storniere meinen Mallorca-Flug für nächsten Sommer. Ich komme mir großartig vor.
"Weißt du, wie viel das ausmacht?", fragt Torben, als ich ihm im Rollercafé davon vorschwärme. Torben hat Statistik-Nachhilfe genommen und rechnet mir vor: Hier ein paar Millionen Tonnen, da ein paar Milliarden Menschen, ergibt 0,000000000017 Prozent. Für den Mallorca-Flug. Der Rest ist zu klein, als dass sein Taschenrechner es darstellen könnte (und die Potenzen versteh ich nicht). Ich starre enttäuscht in meinen 100-Gramm-CO2-Kaffee. "Weißt du, was mehr bringt? Die Einstellung der Leute zu verändern!", versucht Torben mich zu motivieren.
Ich gucke auf. "Ich hab da doch diese Kolumne", murmele ich und schnappe mir den Taschenrechner. Wenn 1.000 Leute in meiner Kolumne lesen, dass Fliegen böse ist, und die erzählen das je 1.000 anderen und die nochmal so vielen - und die reisen nächstes Jahr statt nach Malle in den Harz ... "Dann sind das 1,7 Prozent weniger Emissionen und in Sachsen-Anhalt gibt es endlich wieder Arbeitsplätze, Nutten und Koks!", triumphiere ich.
Torben schürzt die Lippen. "Nie im Leben lesen 1.000 Leute deinen Schund."
"Sei mal nicht so negativ! Dann sind's eben 1,5 Prozent oder so. Immer noch geil! Und noch viel besser: Die fahren dann alle in den Harz und ich, ich fliege als Einziger nach Malle! Beinfreiheit in der Economy Class, ungestört am Ballermann saufen, und mit ein bisschen Glück ist Jürgen Drews dann auch im Harz!"
Torben klingt nicht überzeugt, während er seinen nicht-nachhaltigen Kaffee schlürft. "Man wird dich Janus den Heuchler nennen."
"Heuchler, was für ein unschönes Wort. Wie sich das schon anhört. Bustier ist ein viel schöneres Wort!"
Torben packt sein Zeug zusammen und steht auf. "Ja, hat aber nichts damit zu tun, Johann Bustier."
Wir verlassen das Rollercafé und gehen ganz umweltfreundlich zu Fuß nach Hause. Und, zugegeben, nach einer Woche fange ich wieder an, Straßenbahn zu fahren, und hole mir manchmal sogar einen Coffee to go - um Zeit zu sparen. Dadurch kann ich VW-Boykotte organisieren, an Demos teilnehmen und böse Briefe an Politiker schreiben. Torben hat mir ausgerechnet, dass das ungefähr 0,0000005 Prozent mehr bringt. Mit fünf Prozent Fehlerwahrscheinlichkeit. Scheißstatistik. Klingt aber logisch.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner