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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Das Warten der Anderen


Der gemeine Sachse gilt nicht als extrem schnell, eher als gemütlich, Gehetze im Sinne von Geschwindigkeit ist ihm fremd. Darum wird er oft übersehen, überhört oder übergangen und in Warteschlangen steht er meistens hinten. Natürlich steht er nur hinten, weil die Anderen eher da waren. Trotzdem bringt dieser Umstand sein Blut in Wallung, wobei es keine Rolle spielt, ob andere Sachsen vor ihm stehen. Es geht in jedem Fall zu langsam und wer ihn beim Warten beobachtet, kann die Entwicklung vom gemütlichen Sachsen zum Wutsachsen regelrecht sehen. Zuerst guckt er, ob in der Warteschlange ein gemeinsames Wutpotenzial vorhanden ist. Wenn es den scheinbar Gleichgesinnten gibt, dann wird in dessen Richtung mit beifallheischenden Augen der knallharte Protest ganz leise hingenuschelt, nur so laut, dass es die Umstehenden hören. Etwa: "Heute geht's gar ni los." Das zeigt den anderen, dass er es schneller kennt, weil er ganz oft da, quasi Stammkunde ist.
Daraus ergeben sich zwangsläufig Rechte! Vor allem das Recht, dass es schneller geht, gerade im Lebensmitteldiscounter. Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass dieser seine Gewinne durch beschränkten Service erzielt, aber das kann er ja machen, wenn der Stammkunde nicht da ist. Wenn er da ist, etwa am Supersamstag vormittags mit ein paar anderen Konsumenten, weshalb richtig was los ist an der Kasse, wo von den vier Angestellten nur zwei sind, denn die beiden anderen räumen Regale ein oder führen Kunden zur Angebots-Butter, dann schlägt die Stunde des Stammkunden. "Könn se ma ne dritte Kasse aufmachen?" Er erwartet gar keine Antwort oder La-Ola-Wellen seiner Zuhörer. Ihm genügt deren stilles, bestätigendes Kopfnicken und der damit ausgedrückte Respekt vor dem Helden, der endlich mal sagt, was alle denken. Wenn darauf das vorhandene Personal mit dem Hinweis auf das fehlende Personal reagiert, kommt sein rhetorischer Return: "Dann müssen eben welche eingestellt werden!" Ich muss grinsen, weil ich mir vorstelle, wie die Kassiererin statt zu kassieren ein paar Vorstellungsgespräche führt, um schnell "welche" einzustellen. Am besten gleich an der Kasse. Dummerweise dauert es dadurch etwas länger. Es dauert übrigens selten länger, weil die Kassiererin langsam ist. Meist sind es die Kunden, die das Tempo rausnehmen, denn wenn man selbst dran ist, hat man ja das Recht ordentlich bedient zu werden. Dazu sind oftmals die modernen Neuerungen hinderlich. Zum Beispiel die EC-Karte, bei der man noch nie eine PIN eingeben musste. Jedenfalls nicht die eingegebene. Oder sie steckt so beschissen im Portemonnaie, dass man sich fast die Nägel abbricht, die im Nagelstudio ein Vermögen gekostet haben. Zumal man nur eine Hand frei hat, denn mit der anderen telefoniert die Sachsen-Chantal mit der Sachsen-Cindy. Im Discounter ist eben vieles preiswert.
Übrigens fiel bis hierhin absichtlich das Wörtchen "bitte" noch gar nicht. Es kommt nicht vor! Mit der Überwindung des Sozialismus hat der Sachse nämlich jegliche Unterwürfigkeit gegenüber Verkäuferinnen abgelegt. Genau wie das Wartenmüssen, das Grüßen oder das Freundlichsein. Sonst hätte er sich ja die Wende sparen können! Außerdem hätten die doch gar keine Arbeit, wenn er nicht dort kaufen würde. Also! Und wenn er dann nach endlosen fünf Minuten dran ist, mutiert der Wutsachse zurück zum gemütlichen Sachsen. Er scherzt mit der Kassiererin, versichert ihr sein Verständnis für die Situation und lässt sich dabei von den Nörglern hinter sich nicht stören. Denn das Warten der Anderen ist nun wirklich nicht sein Problem. S isso!
Ciao, Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade