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Johann Janus' Kolumne

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Democracy Re


"Herzlich willkommen bei der Democracy Re, einer kanadischen Demokratie-Rückversicherung", begrüße ich den ersten Kunden. Mein Besuch staunt. Das kleine Büro hinter dem Plastikschildchen beinhaltet nichts als meinen Laptop und einen Schreibtisch und ist genaugenommen der Flur meiner WG, aber das weiß keiner, seit ich es umdekoriert habe. Und drüben in Kanada existiert seit einem Monat ein Briefkasten mit meinem Firmennamen, gleich unter dem eines befreundeten Couchsurfers in Toronto. Er scannt auch die selten ankommende Post ein und schickt sie mir.
"Ich habe von Ihnen gelesen," sagt mein Gast, "und ich würde gerne etwas Außergewöhnliches versichern." "Machen wir", bestätige ich, ohne zu wissen, worum es geht. Inzwischen gibt es für uns keine riskanten Versicherungsfälle mehr. Wir machen immer Profit. Entsprechend guckt der Rechtsstaatszweifler, bevor er mir offenbart, er würde gern sein Recht auf Verbraucherschutz versichern. Mit 50 Euro im Monat. "Schön", nicke ich und schlage ihm eine Summe von 500.000 Euro im Schadensfall vor. Erst tue ich natürlich, als rechnete ich das aus, aber eigentlich ist es egal. Seit CETA sind die riskanten Fälle die besten.
Als mein Kunde unterschrieben hat, kann er nicht anders, als zu fragen: "Wie rechnet sich das für euch?" "Nun ja", führe ich aus, "wir als kanadisches Unternehmen investieren ja jetzt in den deutschen Markt. Damit gehen wir ein Risiko ein, in Ihrem Fall 500.000 Euro. Wenn Ihre Befürchtungen nicht eintreten, haben Sie gerade zugesagt, uns zwei Jahre lang 50 Euro monatlich zu überweisen. Aber nehmen wir mal an, Nestlé beschwert sich über die ganzen verräterischen Informationen, die sie auf ihre Produkte drucken müssen. Die gehen dann vors CETA-Schiedsgericht, weil der deutsche Verbraucherschutz ihr Geschäft zerstört hat, bekommen Recht und viel Geld und das Gesetz wird gekippt." Ich werfe die Stehlampe neben mir um, die laut lärmend auf den Boden scheppert. Aus Demonstrationszwecken. "Aber jetzt ist Ihr Recht auf Verbraucherinformation enttäuscht worden, wogegen Sie sich bei uns versichert haben. Also müssen wir Ihnen 500.000 Euro zahlen. Und alles nur, weil CETA die Lampe umgekippt hat."
"Die Lampe?"
"Metaphorisch. Da wir aber genau einen Monat vor CETA unser Geschäftskonzept aufgenommen haben, ist das ein Gesetz, das unsere Geschäftsgrundlage zerstört hat, wir klagen vor einem Schiedsgericht bekommen viel Geld, wovon wir Ihre Entschädigung zahlen, und der Verbraucherschutz wird wieder eingeführt." Ich bedeute ihm, die Lampe wieder aufzustellen. Dann stoße ich sie wieder scheppernd zu Boden. Wir wiederholen das Procedere wortlos fünf Mal.
"Nun lassen Sie doch mal die gottverdammte Lampe stehen!", ruft mein Kunde in Rage, doch ich mache weiter, bis sie plötzlich in der Mitte auseinanderbricht. "Aber kostet das nicht Unmengen Geld?", fragt er erschöpft. "Klar, den Staat. Aber der hat uns das ja selber eingebrockt." "Ich meine das mit der Lampe. Machen Sie das bei jedem Kunden?" Ich notiere eine Messing-Stehlampe auf meiner Tabelle von Sach- und Werbeausgaben. "Investitionskosten". Ein weiterer guter Tag für Democracy Re.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner