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Johann Janus' Kolumne

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Formularblatt 42b


"Da muss der Herr Muhammad aber zunächst das Formularblatt 42b ausfüllen und mit den zugehörigen Anlagen einreichen", schulterzuckt die gelangweilt dreinblickende Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde. "Müssen ja kontrollieren, ob er überhaupt eine Arbeitsberechtigung bekommen kann, mit begrenztem Aufenthaltsrecht. Und dann muss die Behörde natürlich erstmal prüfen, ob er mit seiner Bewerbung keinem deutschen Arbeitnehmer den Platz wegnimmt. Das kann dann noch ein paar Wochen dauern."
Ich knacke ungeduldig mit meinen Fingern. "Herr Muhammad ist Schweißer. Wissen Sie, wie viele Stellenanzeigen jeden Tag für Schweißer ausgeschrieben werden? So viele Hallenser gibt es gar nicht!"
"Na, das werden wir ja dann sehen", beharrt die Dame, die sich den unheimlich kreativen Spruch Man muss nicht verrückt sein, um hier zu arbeiten, aber es hilft! auf ihr Mousepad hat drucken lassen. "Hier ist das Formular. Sonst noch was?"
Ich schüttele den Kopf und bedeute Herrn Muhammad, dass wir gehen können. Er hat nur ein paar Bruchstücke verstanden, der Deutschkurs ist überfüllt und hat erst wieder im Dezember einen Platz für ihn. Da ich kein Kurdisch spreche, rufe ich Aytül an, eine Freundin, deren Eltern aus der Türkei kommen. Glücklicherweise spricht sie auch den nordkurdischen Dialekt Kurmandschi und kann dem syrischen Flüchtling an meiner Seite daher meine Worte dolmetschen.
"Das heißt, ich muss bis dahin weiter Sozialleistungen beziehen?", fragt er über unsere telefonische Übersetzung, während wir zurück zur Haltestelle an der Magistrale gehen. "Ja, tut mir leid."
Ich versuche, ihm über Aytül zu erklären, dass das Formblatt 42b einen Nachweis über ausreichende Deutschkenntnisse erfordert. Als ich vor zwei Wochen eine Patenschaft zur Alltagsbegleitung von Herrn Muhammad und seiner Familie übernahm, hätte ich nicht gedacht, dass mein größtes Problem deutsche Formularblätter sein würden. Wir steigen in die Straßenbahn, ich bedanke mich bei Aytül und mache Herrn Muhammad mit Gesten klar, dass mich diese Bürokratie genauso nervt wie ihn.
"Die Fahrkarten bitte!", schallt es plötzlich durch den Wagen und meine Kontrolleursparanoia lässt mich zusammenzucken. Doch, ja, natürlich habe ich ein Ticket, und Herr Muhammad darf als Flüchtling im Asylaufnahmeverfahren kostenlos fahren. Als ich das dem Kontrolleur erkläre, schüttelt ein alter Herr auf dem Nachbarsitz den Kopf. "Was kriegen die eigentlich noch alles hinterhergeworfen, die Ausländer? Schmarotzen doch nur von unseren Sozialleistungen", grummelt er. Ich schäme mich für diesen Mitbürger und bin das erste Mal in den letzten zwei Wochen froh, dass Herr Muhammad noch keinen Platz im Deutschkurs bekommen hat.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner