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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Keine Diskussion


"Halt deine Dreckskarre an!" Die Frau, die das rief, stand auf dem Parkplatz eines Lebensmittel-Discounters und schien leicht erregt. Okay, sie war nicht leicht erregt, sondern hatte Schaum vorm Mund. Nein, sie rief auch nicht. Sie zeterte! Auch "Frau" ist nicht ganz korrekt. Bei ihrer Erscheinung ist das eher als Hinweis zu verstehen, wohin ihr Geschlecht tendieren könnte oder was sie mal war. Sie passte symbolisch zum Discounter, wo der Grat zwischen preiswert und billig oft sehr schmal ist. Jedenfalls hatte das erotikfreie Etwas einen kleinen Jungen und ihren Mann mitlaufen, die mir beide irgendwie leid taten. Nun stand das Wesen also breitbeinig mit zwei vollen Plastetragetaschen bewaffnet am Beifahrerfenster der "Dreckskarre", welche wirklich gehalten hatte. Irgendetwas schien dem Wesen zu missfallen, denn es brüllte Dinge ins Auto, von "ins Gehirn geschissen" bis "die Fotze soll ihre Schnauze halten" (Zitat). Ich gehe mal davon aus, dass da nicht die Kanzlerin im Auto saß ...
Wahrscheinlich kam aus dem Auto eine Erwiderung, denn nun mischte sich der Gatte des Wesens ein. Er war übrigens sehr groß, sehr gewichtig und mit seiner Jogginghose, dem Muskelshirt und den Tätowierungen nur schwer einer bestimmten Szene zuzuordnen. Eher einem Ort. Hatte Robert Geiss darum sein Modelabel verkauft? Bei dem Gedanken, dass wir bei der Pisa-Studie ganz gut abgeschnitten hatten, kam mir die Frage, ob solche Typen da auch mitgemacht haben können. Ich denke nicht ... Jedenfalls stand dieser Fleischberg mit der Ausstrahlung eines Schwergewichtsboxers, der gerade vom Gegner als schwules Mädchen bezeichnet wurde, nun am Fahrerfenster und brüllte sofort los: "Wie redest Du mit meiner Frau?" Im Stillen antwortete ich: "Wie sie es verdient!", und war froh, nicht im Auto zu sitzen. Die Insassen hatten wahrscheinlich das Glück, dass der Fleischberg auch zwei volle Taschen in der Hand hatte und den wertvollen Discount-Inhalt nicht absetzen wollte. Ich hörte sowieso nur den Gatten brüllen, dass er dem Fahrer gleich auf die "Schnauze hauen" wird, zur Beifahrerin "Wenn ich dich Hure noch einmal sehe!" und so weiter. Ich denke, dass man den Zeitpunkt für ein konstruktives Gespräch verpasst hatte. Genauer gesagt: Es gab nie einen! Ich bezweifle sogar, dass es ein Dialog war, obwohl beide Seiten etwas sagten. Es schienen eher mehrere Monologe gleichzeitig stattzufinden. Ein Merkmal dieser bildungsfernen Diskussionsrunden besteht ja darin, dass man gar keine Argumente hören will, weil man eh im Recht ist. Was mich aber am meisten schockiert hat, wie schnell diese Situation eskalierte. Von Null auf Hundert wollten sich bis dahin unbekannte Menschen wegen einer Kleinigkeit "auf die Fresse hauen". Mit wie viel Frust stehen die morgens schon auf? Zugegeben, wenn ich der Fleischberg wäre und so ein Wesen früh das Erste ist was man sieht ...
Hätte man mit ihnen normal reden können? Sollte man das, wenn man nicht selbstmordgefährdet ist, überhaupt versuchen? Warum ticken diese Menschen völlig aus, ohne dass ihnen ein nennenswertes Unrecht geschehen ist? Wird es für das Kind später normal sein, jedem der eine andere Meinung hat, auf die "Fresse zu hauen" oder ihn niederzubrüllen? Wie oft wird der Kleine wohl später ins Theater gehen? Wie viele Bücher wird man ihm kaufen? Wird er die Lügenpresse nur vom Hören kennen, statt vom Selbstlesen? Ob er je erfahren wird, wer Schiller und Goethe waren? Und was wird er später seinen Kindern mitgeben?
Etwas ratlos, ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Angela Thiel