Film 160x600_content
Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Da quatscht jemand rein


Liebe Freunde, früher war alles anders. Früher gab es Untertitel. Stumm, unaufdringlich, subtil. Wenn ich jetzt einen Film im ZDF ansehe, bekomme ich die Bilder erklärt.

Ich gehe davon aus, dass es sich dabei um eine Hilfe für sehschwache Zuschauer handelt, die ich dank meiner großformatigen Brille mit weit abstehenden, schwarzen Bügeln glücklicherweise noch nicht in Anspruch nehmen muss. Deswegen stört es mich. Immerzu quatscht jemand rein. Es macht mich wahnsinnig. Wirklich. Man bekommt kaum noch die Dialoge mit. Ich habe schon tausend Mal versucht, diese Funktion zu deaktivieren. Es gelingt mir nicht.
Wenn ich also einen Film sehe, in dem ein Mann eine Straße entlangläuft, wird mir das soeben Gesehene noch einmal erklärt: "Ein Mann geht die Straße entlang. Auch wenn es nicht danach aussieht. Denn seine Bewegungen sind die eines Radfahrers. Bei besonders großen Schritten zieht er das Knie bis unter sein Kinn. Er betritt ein Geschäft für französische Lebensmittel, nimmt sich zwei Schnecken, probiert sie und legt sie wieder hin." Ungefähr dasselbe habe ich bereits gesehen.
Die nächste Szene handelt von einer Frau. "Eine Frau folgt ihm unauffällig. Sie huscht von Ecke zu Ecke und versucht, ihre Frisur in Ordnung zu bringen, indem sie sich unablässig mit der flachen Hand auf den Kopf schlägt." Weil es in dem Film um einen berühmten Mann geht, heißt es: "Der Mann ist berühmt. Er fertigt Scherenschnitte mit Motiven besonders hübscher Bundeswehrsoldaten. Sein Ruhm beschränkt sich allerdings nur auf die engsten Familienmitglieder. Eigentlich nur auf seine Oma, die selbst Armeeangehörige ist." Wenn sich der berühmte Mann in die ihn verfolgende Frau mit der plattgedrückten Frisur verliebt, muss mir das natürlich auch erklärt werden. "Der Mann und die Frau haben sich ineinander verliebt. Sie küssen sich leidenschaftlich. Vor Begeisterung klatscht er nach jedem Kuss in die Hände. Sie wartet, bis er fertig ist, und küsst dann weiter."
Eine gemeinsame Wanderung bekomme ich folgendermaßen geschildert: "Sie bummeln ein wenig auf dem Jakobsweg herum. Weil er versprochen hat, alles mit ihr zu teilen, hängt er ihr seinen Feldstecher um. Das Gewicht zieht sie zu Boden." Nach mehreren Streitereien über die Qualität der Scherenschnitte des Mannes trennt sich das Paar.
Manchmal beschleicht mich das Gefühl, die Kommentatoren haben sich überhaupt nicht mit dem Inhalt des zu Sehenden beschäftigt. Zum Beispiel bei Anmerkungen wie: "Der Himmel ist blau. Allerdings nicht in diesem Film!" Dann wieder sind sie an Präzision nicht zu übertreffen: "Der Mann steht vor einem Straßencafé und pfeift 'Atemlos' von Helene Fischer, aber mit einer vollkommen anderen Melodie."
Das Ende des Scherenschnittfilmes wird schließlich mit den Worten kommentiert: "Der Mann nimmt eine Pistole, erschießt sich zweimal und geht dann nach Hause." Ich glaube, ich muss mir einen Fernsehmechaniker kommen lassen.

Euer Doktor Stolte Bellut Winter