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Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Sommer ist hier


Der Sommer ist da, 36 Grad im Schatten, Eiscreme in allen Händen, Hallenserinnen tragen kurze Röcke und auf der Peißnitz drängt sich Grill an Grill. Und ich? Ich hab den Arsch voll Arbeit.
"Hey Janus, kommst du mit auf die Würfelwiese?", "Heut abend Lust auf Bierchen im Park?", "Wie sieht's aus - Open-Air-Konzert?", schallt es von überall. Aber nein. Die Sommersonne strahlt durch mein Fenster, hohnlachend ob der 38 leeren Seiten, die mir noch fehlen in dem Dokument, das bis in drei Wochen mit Inhalt gefüllt werden will.
"Später", antworte ich Torben, der mal wieder mit zwei Radlern und einer Picknickdecke vor meiner Tür steht. "Ich muss doch erst noch das Kapitel fertig machen." Doch dann, ja dann! Wenn ich erstmal mit diesem Abschnitt fertig bin, dann wird alles großartig, dann fahre ich irgendwo weit weg in den Urlaub, gehe jeden Tag schwimmen, zelte am Strand und feiere bis spät in die Nacht!
Dann schnappe ich mir den nächstbesten Flieger, auf die Malediven, oder die Kanaren, Hauptsache Sommer. Also dann, wenn ich mit allem fertig bin. So Ende August ungefähr. Ich muss ja nur noch diese Phase durchstehen, dann wird mein Leben wieder toll, sage ich mir, während der Cursor bis spät in die Nacht auf dem bläulichen Bildschirm blinkt. Torben schüttelt den Kopf, um Verständnis bemüht. "Na gut. Sag Bescheid, wenn du wieder Zeit hast."
Als die Tür zufällt und ich wieder an meinen Schreibtisch zurückgekehrt bin, werfe ich einen Blick in den azurblauen Himmel jenseits meines Fensters, das Thermometer an meiner Wand, die bisher unbenutzte Badehose in meinem Schrank. Wenn das unfertige Dokument abgeschlossen sein wird, wird mich ein anderes Projekt erwarten, eine andere Aufgabe, immer neue abzuarbeitende Mails. Plötzlich wird Oktober sein und ich werde mich auf die freien Weihnachtstage freuen. Bis zum Weihnachtsstress, dann werde ich mich aufs neue Jahr freuen, denn da wird ja alles anders. Und dann erst im Sommer, jaha! Wenn der Sommer erstmal da ist, dann wird mein Leben wieder rocken!
Was für ein Unsinn. Kurzentschlossen klappe ich meinen Laptop zu, packe meine Tasche und stürze aus der Tür meiner selbstgebauten Zelle.
"Ist auch billiger als die Malediven", meint Torben, als wir am Steinbruchsee liegen und den Samstagnachmittag genießen. Das ist zwar nicht die große Freiheit, der endlose Urlaub, perfekte Sandstrände und Piña Coladas, aber dafür ist es jetzt und hier.
Als der Kondensstreifen eines Flugzeugs den sommerblauen Himmel kreuzt und der Rest der Republik in Gedanken sehnsüchtig in die Ferne schweift, lasse ich meine Füße im Seewasser baumeln und stoße mit Torbens Radler an. Sommer ist weder eine Zeit noch ein Ort: Sommer ist ein Gefühl.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner