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Dr. Winters Kolumne

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Ente am Steuer


Liebe Freunde, gestern bin ich die Barbarossastraße entlang gefahren. An der Ampelkreuzung zur Weststraße musste ich wie immer halten. Ich habe tatsächlich noch nicht ein einziges Mal an der Ampelkreuzung Barbarossa- / Weststraße durchfahren können, die Kreuzung Barbarossa- / Weststraße kenne ich ausschließlich während der roten Ampelphase, aber das nur nebenbei. Weil ich die Kreuzung Barbarossa- / Weststraße nicht überqueren konnte, habe ich einen Blick in das neben mir stehende Auto geworfen, und nun passt auf: Da hat eine Ente gesessen! Eine Ente! Stellt Euch das einmal vor!

Die Ente hat mir kurzzeitig in die Augen gesehen und dann wieder zur Ampel hoch gestarrt. Meine Verblüffung kannte keine Grenzen. "Du lieber Himmel!", habe ich gedacht, "die Evolution macht neuerdings aber Fortschritte, jetzt fahren die Enten schon Auto!" Ich habe mich überhaupt nicht wieder eingekriegt, und total übersehen, dass die Ampel auf Grün geschalten hat, was ein gewaltiges Hupkonzert der hinter mir stehenden Autos zur Folge hatte. Aber das hat mich nicht im Geringsten gestört. Ich bin stehen geblieben und habe die Ente betrachtet. Ich fand es einfach großartig, wie folgerichtig dieses Tier den Weg vom Einzeller zum Flugsaurier und schließlich zur Auto fahrenden Ente genommen hat!

"Kaum sind 20 oder 30 Millionen Jahre vergangen", ist mir durch den Kopf geschossen, "schon bestehen diese genialen Wasservögel den Führerschein!" Das ist doch ein Ding! Weshalb die Evolution ausgerechnet bei dieser Ente einen solch gewaltigen Sprung nach vorn getan hat, konnte ich natürlich nicht wissen. "Vielleicht", habe ich, als ich schließlich weiter gefahren und von der West- in die Ulmenstraße eingebogen bin, denn in die Ulmenstraße habe ich immer einbiegen können, noch nie konnte ich nicht in die Ulmenstraße einbiegen, gedacht, "vielleicht hat die Evolution ja generell einen Schub bekommen?" Vorsichtshalber habe ich einmal kurz in den Spiegel gesehen. Aber zu meiner tiefen Verbitterung war es mir nicht möglich, irgendeine Verbesserung feststellen. In diesem Moment sind mir jedoch einige Vorkommnisse aufgefallen, die ich vorher als bedeutungslos betrachtet und einfach ignoriert habe. Dass ich ab und zu am Schlossteich beobachtet habe, wie ein Fisch aus dem Wasser gestiegen ist und es sich auf einer Parkbank bequem gemacht hat zum Beispiel. Oder dass mir vor ein paar Wochen von einem Pavian im Tierpark eine Zigarette angeboten worden ist. Dass die Katze meines Nachbarn ihr Fell gefärbt hat und die Eichhörnchen im Stadtpark ihre Nüsse zur Bank bringen.

Und dass sogar der Urmensch, der seit der Steinzeit bei mir im zweiten Stockwerk wohnt, immer normaler wird. Wenn wir uns im Treppenhaus begegnen, schwingt er zwar noch immer seine Keule und grölt wie irrsinnig herum, aber er bringt wesentlich seltener seine Horde mit ins Haus. Mittlerweile hat er sogar begriffen, dass er um drei Uhr morgens in seine Wohnung gelangen kann, ohne die Tür einzutreten! Das ist doch toll, oder? Für die Zukunft erwarte ich mir im Bereich der Evolution noch einiges. Zebras in Streifenwagen beispielsweise, Ölsardinen an der Börse, Säbelfische in Uniformen … Ihr werdet schon sehen! Auf jeden Fall geht es voran! Viel Spaß bei Eurer Weiterentwicklung wünscht Euch Euer
Doktor Darwin Heckel Winter


Doktor Winters bzw. Lothar Beckers neuer Roman "Bubble Gum 69" soll im Chemnitzer ClauS Verlag erscheinen und über ein Crowdfunding-Projekt finanziert werden.
www.visionbakery.com/bubblegum69