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Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

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Frauentausch


"Wie sieht's mit der Hose aus?" Torben hält eine Slimfit-Jeans im Used-Look (oder womöglich auch tatsächlich sehr used) hoch, und ich schaue skeptisch zwischen ihm und dem Beinkleid in seiner Hand hin und her.
Vorsichtig meine Worte abwägend schüttele ich den Kopf. "Ich glaub, da kommt deine Figur nicht so raus." Wir seufzen resigniert und legen die zweite von zwei vorhandenen Hosen auf den Tisch zurück. Die erste habe ich selber mitgebracht. "Vielleicht sollten wir mehr nach Schals gucken, die sind ja eher unisex", schlage ich vor und deute auf den Stapel Winterkleidung in der Ecke. "Es ist Juni, Janus. Ich brauch keine Schals."
Hat er Recht. Aber die Auslese ist leider sehr marginal für die einzigen zwei Anwesenden mit männlichem Pronomen. Ein einsamer Stehtisch soll unsere Kleidungsbedürfnisse befriedigen, während die reichlich präsente Weiblichkeit aus Shirts, Röcken, Kleidern, Mänteln, Tücher, Hosen und sogar Wäsche auswählen kann. Irgendwie scheint niemand ernsthaft Männer auf Kleidertauschparties zu erwarten.
"Oh, hallo! Schön, dass ihr euch her verirrt habt!", hatte frau uns am Eingang des Ateliers am alten Markt begrüßt, überrascht aber auch argwöhnisch. Was wollen diese unrasierten Wesen hier, in der unbestrittenen Domäne der sozialen Femininität? Doch wir hatten wacker unseren Mann gestanden, den Eintritt bezahlt und unsere mitgebrachten Kleidungsstücke abgegeben, und deshalb konnten wir jetzt nicht ohne neue Errungenschaften gehen. Das wäre unlogisch und unlogisch, um nicht zu sagen: feige. Also voll unmännlich.
"Das ist doch unfair", jammere ich, "vielleicht wollen wir auch mal schöne Kleidung nicht neu kaufen müssen! Das ist doch diskriminierend!"
Eine Mittdreißigerin mit Etikett an der Bluse schüttelt bedauernd den Kopf. "Das liegt ja nicht an uns - wenn mehr Männer kommen würden, gäbe es auch mehr zum Tauschen für euch!" Sie klingt vorwerfend, als wäre es unsere Schuld, nicht dreißig männliche Freunde mitgebracht zu haben.
Torben erwägt den Kommentar, sieht sich um und deutet dann auf die Frucht-Cocktails, den rosa-orangenen Flyer mit der explizit weiblichen Ansprache. "Ich weiß ja nicht. Sie tun auch nicht eben viel, um das zu ändern."
"Doofes soziales Geschlechterkonstrukt", murmelt der Soziologe in mir, und ich greife mir meine eigene mitgebrachte Hose. "Komm, wir gehen uns Werkzeuge und Hauselektronik ausleihen."
Und so dampfen wir von dannen, erhobenen Hauptes mit unseren abgetragenen Klamotten in der Hand. "Eigentlich habe ich eh genug Jeans", gibt Torben zu, und ich bin ein bisschen froh, mit meiner eigenen Hose das Atelier verlassen zu haben. Immerhin hing die schon in vier verschiedenen Kleiderschränken und trug meine Beine durch zahllose Städte und Länder. "Lass uns eine Kleiderparty ohne Tausch veranstalten. Jeder bringt seine Lieblingsklamotten mit und nimmt sie nachher wieder mit nach Hause. Nutzen ist das neue Sharen! Und zu trinken gibt es Whiskey", schlage ich vor.
"Gibt's schon", lächelt Torben und schleust mich in Richtung Pub in der Kleinen Ulli. Man muss ja nicht immer das Rad neu erfinden.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner