Film 160x600_content
Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Selbstheilungskräfte


Liebe Freunde,
kürzlich erzählte mir mein Doktor, er hätte sich seinerzeit entschlossen, Arzt zu werden, weil er Arztbesuche gehasst habe wie nichts anderes. Der einzige Grund, Arzt zu werden, hätte für ihn darin bestanden, als Arzt nicht mehr zum Arzt gehen zu müssen. Das Ziel seines Medizinstudiums wäre eine möglichst umfassende ärztliche Selbstversorgung bis hin zu kleineren chirurgischen Eingriffen gewesen. Selbst ist der Arzt, sagt mein Doktor. Er persönlich misstraue ja jedem Arzt. Niemand wisse besser als er, dass das Stellen einer Diagnose ein völliges Unding sei.

Es existierten tausend und abertausend unterschiedliche Krankheiten mit ein und demselben Symptom. Wie viele Herzinfarkte würden sich durch Zahnschmerzen bemerkbar machen, wie viele geschwollene Knöchel entpuppten sich als irreparable Geisteskrankheiten, man mache sich ja keine Vorstellungen, sagt mein Arzt. Die Ärzte hören sich die Beschwerden an und fangen an zu raten. Jeder von ihnen tappt unentwegt im Dunkeln, sagt mein Doktor. Am Ende verlassen sich die Mediziner grundsätzlich auf die Befürchtungen ihrer Patienten. Das Bestätigen sämtlicher von den Patienten geäußerten Befürchtungen stärkt das Vertrauen zwischen ihnen und dem Arzt. Einem Doktor, der mit seiner Diagnose die Befürchtungen seiner Patienten manifestiert, wird eine hohe Kompetenz unterstellt. In erster Linie sind die Befürchtungen der Patienten die Grundlage für eine wirkungsvolle Therapie, sagt mein Arzt.

Auch er selbst habe noch nie herausfinden können, was seinen Patienten eigentlich fehle. Es interessiere ihn auch nicht. Seine Interessen lägen auf anderen Gebieten. Leichte Gartenarbeiten und so etwas. Jedenfalls halte er es für eine Unverschämtheit, dass er ständig mit den Krankheiten ihm völlig fremder Menschen belästigt werden würde. Die Leute können ja gern zu mir kommen, sagt mein Doktor, aber gesund sollen sie sein. Gegen einen Besuch beim Arzt sei absolut nichts einzuwenden, solange man nicht krank wäre. Einem Gesunden stehe seine Tür Tag und Nacht offen. Einem Gesunden traue er sich auch zu zu helfen. Die Kranken würden mit nicht erfüllbaren Erwartungen an ihn herantreten, mit der Hoffnung auf Linderung ihrer Beschwerden, manche wollten sogar geheilt werden. Eine derartige Dreistigkeit vergifte natürlich das Verhältnis zwischen ihm und ihnen im Handumdrehen.

Nein, die permanente Anwesenheit kranker Menschen tue ihm alles andere als gut. Viele von ihnen fühlten sich nicht wohl, jedem fehle irgendetwas, manche besäßen sogar Verletzungen, man müsse sich das einmal vorstellen! Es sei fast nicht auszuhalten, mit welchen Beschwerden er pausenlos konfrontiert werde! Mit Übelkeit, Knochenbrüchen, Erregung - und Spannungszuständen, von Epidemien und Seuchen ganz zu schweigen! Das Erstaunliche sei, die Leute würden nichts fühlen, nichts hören, nichts sehen, aber zu ihm fänden sie immer. Es wäre, sagt er, eine absolute Rücksichtslosigkeit der Mehrheit unter den Menschen, sobald man sich krank fühle, zum Arzt zu gehen. Immer muss es der Arzt sein, immer der Arzt, sagt mein Arzt. Und immer würde nur geklagt und gejammert, nie gelacht. Das frustriere ihn. Die vielen Kranken machten ihn krank. Wenn es nicht besser würde, sähe er sich gezwungen, einen Spezialisten aufzusuchen. Er selber wisse sich nicht mehr zu helfen. Seine Patienten würden ihn zum Arzt treiben. Das, was er mit seinem Studium vermeiden wollte, sei nun eingetreten. Entsetzlich, oder?
Euer Dr. House Brinkmann Winter