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Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Der Feind des Flaneurs


Fürwahr! Es ist Frühling! Die sibirischen, wenngleich schneefreien Monate der Tristesse in grausigem Gedenken, stolpere ich aus meiner seit Oktober erstmals wieder frisch durchlüfteten Wohnung in das sonnige Nachmittagslicht. Endlich wieder um 19 Uhr Kaffeetrinken! Endlich grüne Bäume und Wiesen, der Duft von Blüten und der Sound spielender Kinder! Alles, was Beine hat, fließt durch die Straßen und Parks, auf der Suche nach der nahen Eisdiele. Ich liebe diesen kurzen Zeitraum zwischen April und Juni, dem einzigen Monat, in dem ich mich fühle, als läge Halle auf genau dem richtigen Längen- und Breitengrad.
Schwelgend in der jungfräulichen Luft und den wohligen Temperaturen, stromere ich durch eine Seitengasse im Paulusviertel, nichtsahnend ob des Grauens, das mich in wenigen Schritten jäh meines Genusses berauben wird. Fies grienend liegt er da, der Feind jedes Flaneurs, der Alptraum des arglosen Ausflüglers, die Tragödie der Trottoirs: Mit saftig-spritzendem Schmatzen begrüßt er meine Schuhe; ich schwanke, taumele, fluche. Mitten auf dem Bürgersteig, den ich angesichts meines Frühlingsgefühls kaum beachtet hatte. Der stinkende Scheißhaufen eines gedankenlosen Hundebesitzers (nun gut, seines Hundes selbstredend - aber der kann ja nichts dafür) vergräbt sich in das Gummiprofil, als schämte er sich (zu recht!) seiner Anwesenheit.
Grummelnd begutachte ich das Malheur, versuche mit einem Stöckchen die schmierigen Reste ins naheliegende Beet zu befördern, und tatsächlich, es scheint, als sei mein Unternehmen von Erfolg gekrönt. Alles weg. Alles? Nein. Ein kleiner, schmieriger Rest, tief in den Rillen meiner Schuhe, verwehrt sich hartnäckig den imperialen Kräften des Holzstöckchens, penetrant miefend wie eine ungewaschene Junggesellentoilette nach zwei Monaten Bohneneintopf. Wenn man seinem Lieblingsgefährten durch schlechte Erziehung nicht die Schmach ersparen kann, statt in einem versteckten Büschchen mitten auf den Weg zu exkrementieren - kann man dann nicht wenigstens mit einer Tüte zur Hand die gröbsten Reste entfernen?
Wutschmauchelnd* (*erfundenes Wort um das Ausmaß meines Unmutes zu verdeutlichen), stapfe ich weiter, als just in dem Moment ein gelangweilt dreinblickender Mittdreißiger mit ähnlich gelangweiltem Dobermann um die Ecke biegen. Und wie, um dem Tage die stinkende Krone zu verpassen, bequemt sich das Tier zu einem fetten, braunen Haufen, den der Yuppie völlig gleichgültig belässt, wo er liegt. 10 Meter vor mir. In flagranti.
Aber nein, heute nicht! Heute, mein Guter, wird die Rache des Spaziergängers furchtbar sein. Unauffällig folge ich dem Paar bis an die Ulrichskirche, wo sie ein leuchtend renoviertes Mehrfamilienhaus betreten, lege mich auf die Lauer und beobachte, wie im zweiten Stock das Licht eingeschaltet wird. Ausgezeichnet. Ich klingele mich als verspäteter DHL-Bote in den Hausflur, schleiche in die zweite Etage und horche an der Tür. Doofe Musik. Gleich doppelter Anlass. Wenige Minuten später lasse das Haus hinter mit, die Genugtuung des Geschädigten matt glänzend auf der blauen Fußmatte angerichtet. Rache ist scheiße. Dieses Mal sogar wortwörtlich.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner