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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Nett, aber sinnlos


"Hatten Sie schöne Ostertage?" Die Frau die das lächelnd fragte, war attraktiv, jung und modern gekleidet. Hübsch und austauschbar. Wenn der Mann, den sie fragte, etwas jünger gewesen wäre, hätte er sich sicher gefreut, so mit ihr ins Gespräch zu kommen. Nur war der Mann am Rollator in Wirklichkeit etwa 70 Jahre alt, gebrechlich und Patient einer neurologischen Reha-Klinik, der seine Ostertage in einem Krankenzimmer der Klinik verbracht hatte. Wahrscheinlich nicht nur die. Die Frau hingegen war die zuständige Psychologin und hatte mit dieser freundlich gemeinten Frage den Sinn ihres Studiums komplett in Frage gestellt. Es war eine oberflächliche und darum sinnlose Freundlichkeit, wie sie viel zu oft vorkommt. Noch absurder wäre gewesen, wenn sie die Frage in Donezk gestellt hätte. Oder sie hätte zur Begrüßung überlebende Bootsflüchtlinge gefragt, ob der Osterhase fleißig war. Das hätte sie vielleicht selbst bemerkt. Sicher meinte sie es nur nett.
Wie auch der Berater im Jobcenter, wenn er den Langzeitarbeitslosen lächelnd mit "Schön, dass Sie da sind" begrüßt. Manchmal sind Freundlichkeiten auch nichts weiter als versteckter Betrug. Ein Bank-Kundenberater lügt nämlich schon, wenn er feststellt: "Mal sehen, was wir für Sie tun können." Er kann und wird nichts "für Sie" tun, sondern Lösungen anbieten, die der Bank nützen. Bekommt er seinen Lohn vom Kunden oder der Bank? Letztendlich vom Kunden, aber nur wenn der sein Geld reichlich der Bank gibt, wofür er kurioserweise bald noch eine Gebühr entrichten soll. Wegen der vielen Arbeit, die die Bank mit dem Geld hat. Brüller! Wir genießen seinen schicken Anzug, seine Freundlichkeit, finden ihn darum ehrlich und können uns gar nicht vorstellen, dass wir ihm persönlich scheißegal sind. Hauptsache, er wird nicht frech, denn dann rufen wir gleich den Chef! Wir sind bereit, uns richtig verarschen zu lassen, wenn die Form stimmt.
Manchmal sind diese Floskeln aber auch nur lustig. So fragt mich die Kassiererin im Supermarkt, nach meinem ersten und bisher einzigen Einkauf dort, ob ich Treuepunkte sammle. Ich muss grinsen, bei der Vorstellung, dass man dort schon als treu gilt, wenn man einmal gekommen ist ... Natürlich macht sie nur ihren Job. Wir tun das mittlerweile fast alle und hinterfragen nichts mehr. Ziemlich unsensibel finde ich Nachrichtenleute, die nach 30 Minuten mit gefühlt hunderten Toten, Elend, Leid und Vergewaltigung ihren Zuschauern "Viel Spaß beim anschließenden Film" und einen "Guten Abend" wünschen. Denken wir gar nicht mehr darüber nach, was wir sagen?
In dem Maße, wie wir das nicht mehr tun, machen wir uns kaum noch Gedanken darüber was andere sagen. Ganz groß sind dabei Medienkritiker, die ihre allgemeine Kritik an den Medien mit enthüllenden Berichten aus ebendiesen Medien begründen. Nach dem Prinzip: Sehe ich das auch so - stimmt es. Wenn nicht - Lügenpresse. Immer öfter sind das Halbwahrheiten, gekontert mit anderen Halbwahrheiten. Und dabei gibt es ganz klare Beweise für gleichgeschaltete Medien! Nämlich die Lotto-Zahlen! Gibt es denn keine investigativen Medien mehr, die sich trauen, gerechte und transparente Lotto-Zahlen zu veröffentlichen? Es ist doch nicht normal, dass meine Zahlen nie gewinnen. Und jetzt kommt mir nicht mit Zufall!
"Möchtet Ihr noch Bargeld abheben?"
Ciao, Euer Mario


Thiels Treffen:

28.05. Putjatinhaus, Gast: Marc Huster


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade