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Dr. Winters Kolumne

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Erholsames Budapest


Liebe Freunde, ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mitunter kann ich den Leuten nicht mehr zuhören. Ständig wird irgendwelcher Unsinn geredet. Über Germanys Next Topmodel, politische Verschwörungstheorien oder das große handgeschnitzte Känguru vor der Garage unseres Nachbarn. Manchmal ist es kaum zum Aushalten. Die Leute reden und reden, und ich muss zuhören, ob ich nun will oder nicht. Glücklicherweise habe ich vor einigen Wochen einen Weg gefunden, dem permanenten Geschwafel zu entgehen, ich habe meine Sonnenbrille eingepackt und bin nach Budapest in Ungarn gefahren.
Ungarn ist die Rettung gewesen. In Ungarn hat mich niemand genervt. Denn ganz gleich, wie oft und wie lange man sich mit einem Ungarn unterhält, man hat keine Ahnung, worum es geht. Sich mit einem Ungarn zu verständigen, der ungarisch spricht, ist vollkommen aussichtslos. Es gibt nicht ein einziges ungarisches Wort, das wie ein englisches, französisches, russisches oder deutsches klingen würde. Die ungarische Sprache zu erfinden, muss unglaubliche Mühe gemacht haben. Ungarisch ist ein riesiges Konvolut fantasievoller Wortschöpfungen. Man kann beispielsweise raten, was "orvos tél" bedeutet, aber man kriegt es nie heraus, nie! Es ist so wunderbar, man versteht wirklich absolut nichts! Man kann sich nicht erklären, weshalb ein Wort wie Kino, das auf der ganzen Welt Kino genannt wird, hier "mozi" heißt. Es existieren keinerlei sprachliche Anhaltspunkte, die darauf hinweisen könnten, dass ein mozi ein Kino ist. Selbst, wenn man es sich schon eine Weile auf seinem Kinosessel bequem gemacht hat, und der Film läuft, beschleicht einen der Verdacht, dass ein mozi doch etwas ganz anderes sein könnte, und man beginnt sich unwohl zu fühlen. Aber durch die Tatsache, nichts verstehen zu müssen, wird man auch für dergleichen kleine Irritationen entschädigt.
Als ich in Budapest angekommen und die breiten Prachtstraßen vom Bahnhof (vasútállomás) in Richtung Donau gelaufen bin, ist mein erster Eindruck der gewesen, dass, wenn man von den gewaltigen Unterschieden einmal absieht, alle Gebäude gleich aussehen. Tatsächlich wirkt Budapest wie aus einem Guss, so als hätte man alle Häuser gleichzeitig gebaut und wäre schon nach fünf Tagen damit fertig gewesen. Schön, vielleicht hat man anschließend noch ein paar Skulpturen und ordentlich Stuck angebracht und hier und da etwas Staub gewischt, aber der große Wurf (dob) war getan. Von meinem Zimmer im Dachgeschoss, das hier védötetö heißt, und das ich, weil ich das Wort nicht kannte, erst eine ganze Weile im Keller gesucht habe, habe ich auf das nächste védötetö gesehen und auf das übernächste. Aber das hat der Schönheit der Stadt keinen Abbruch getan. Die Sonnenbrille habe ich übrigens vor allem nachts gebraucht. Weil die Flut der Lichter über die Donau und am Parlamentsgebäude das Tageslicht bei weitem übertroffen haben. Aber das nur nebenbei. Die wahre Schönheit Budapests bestand für mich schließlich darin, jedem zuhören zu können, ohne jemals zu wissen, worüber dieser gesprochen hat.
Bis zu dem Augenblick, als ich inmitten einer Gruppe junger Ungarinnen an einer Ampel stand und sie sich über Topmodels unterhielten! Sie haben wirklich "Topmodel" gesagt! Weil Topmodel eines der wenigen Wörter ist, wofür es in der ungarischen Sprache kein Äquivalent gibt. Da hatte mich das Geschwafel wieder eingeholt! Am nächsten Tag bin ich wieder zurückgefahren. Aber schön war es trotzdem!
Euer Doktor (orvos tél) Winter


Bild: Torsten Reineck