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Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Neulich in Büschdorf


Der Geruch von Marlboro und unbegrenzter Freiheit zieht durch die Straßen von Büschdorf. Der weite Himmel erstreckt sich über mir und die Hufen meines nur halb gezähmten Pferdes klackern rhythmisch auf dem aufgeplatzten Asphalt. Büschdorf, Battle-Born. Ich reite Richtung Hauptbahnhof, mein Ziel: Das Star Casino. Ein finsterer, stämmiger Kerl versperrt mir den Weg. "Was willste?", spuckt er mir vor den Boden.
Ich schnippe meine Zigarette weg und starre ihn mit zusammengekniffenen Augen an. "Versammlung der Büschdorf-Nevada-Connection." Die Haltung des Türstehers strafft sich unversehens. Er verbeugt sich hastig. "Kann ich mich um Ihr Pferd kümmern?"
"Es braucht eine Hufmassage, einen dreifachen Whiskey und einen Barbeque-Style-Westernburger", ordne ich an. Der Lakai zupft nervös an seiner Unterlippe. "Whiskey hab ich, für die Massage frag ich die Mandy. Aber der Westernburger … Es gibt doch keinen McDonalds mehr im ganzen Osten der Stadt. Da muss ich bis in den wilden Westen laufen."
Ich stutze. "Burger King?" "Nicht vor Leipzig ..." "Dann lauf gottverdammt bis Neustadt, Kerl!", pflaume ich ihn an und betrete die schummrige Spielhalle. Drinnen diskutiert der hallische Teil der Connection angeregt. Üblicherweise sitzen sie in einem rauchgeschwängerten Billardzimmer, haben aber eine Anzeige wegen des Raucherschutzgesetzes bekommen. Jetzt riecht es nach Duftbaum "Neues Auto".
"Sandoval wird nicht kommen", seufzt Carsten vom Wurstladen. "Das Magdeburger Wirtschaftsministerium hat's verbockt." "Die gönnen uns das nicht, die Magdeburger!", ruft die Hollywood-Nails-Besitzerin Mandy. Ich grüße mit rauchigem Räuspern. "Worum geht's?" "Nevadas Gouverneur wird im Juli nur Leipzig besuchen und nicht nach Büschdorf kommen. Und das trotz unserer Connection!", beschwert sich Carsten. "Dabei hat doch sogar schon die MZ drüber geschrieben!", protestiert Mandy.
Ich schüttle den Kopf. "Friends! Ihr irrt euch. Es waren nicht die Magdeburger. Diesmal nicht. Sagt euch die McDonalds-Direktive was?" Ratlose Gesichter. "Eine Empfehlung der US-Botschaft gegen den Besuch bestimmter Stadtviertel. Es heißt: Wo es kein McDonalds gibt", ich mache eine dramatische Kunstpause, während der der Wind durch die schlecht verputzten Holzwände pfeift, "gibt es keine Zivilisation." Carsten murmelt: "Aber ... die Wurst!", doch ich schmettere ab. "Da hilft keine Wurst und kein Nutria-Steak. Ohne McDonalds wird Sandoval niemals nach Büschdorf kommen. Das ist ein Naturgesetz."
Wortlos drehe ich mich um, exe meinen Whiskey, stapfe zu meinem ausgeruhten Pferd und reite die Delitzscher Straße in den Sonnenuntergang, zufrieden grinsend. Ihre Bemühungen werden sich nun ganz auf eine Fast-Food-Kette richten. Wenn wir Pech haben, kommt dann vielleicht McDonalds zurück - aber das ist ein Preis, den ich in Kauf nehmen kann. Denn was tut man nicht alles, um die Flexibilisierung Büschdorfer Angestellter zu verhindern? Nachher werden die noch alle in eine Fräserei nach Nevada outgesourct. Nein, dann lieber McDonalds.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner