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Dr. Winters Kolumne

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Bettina der Große


Liebe Freunde, mein Freund Bettina besitzt zwei Besonderheiten. Erstens: Er heißt Bettina. Zweitens: Er gehört zu den ganz Großen.

Dass er Bettina heißt, liegt daran, dass seine Eltern nicht gewusst haben, dass Bettina ein Mädchenname ist. "Was wird es denn?", hat Bettinas Vater Bettinas Mutter gefragt, als sie ihm eröffnet hat, dass sie Eltern werden, und sie hat gesagt: "Ein Junge."
"Ein Junge?", hat Bettinas Vater gerufen, "wenn es ein Junge wird, dann sollten wir ihn Bettina nennen. Das gibt es noch nicht so oft!"
Dass Bettina so groß ist, kommt daher, dass seine Familie aus ausschließlich großen Menschen besteht. Es ist etwas Genetisches. Auch Bettina überragt alle. Die Leute blicken zu ihm auf. "Das ist einer der ganz Großen!", sagen sie. Das Großsein wurde in seiner Familie von Generation zu Generation vererbt. Aberhunderte seiner Ahnen haben sich ihre Stirn am oberen Türrahmen wundgeschlagen - weil sie so groß waren. Zu Zeiten, als die Menschen auf eine Körperhöhe von maximal 1,20 Meter kamen, sind seine Familienangehörigen, größtenteils kräftige Jungen, die Maria, Gertrud oder Brunhilde geheißen haben, mindestens doppelt so groß gewesen. Auf sämtlichen erhalten gebliebenen Ölgemälden sind Bettinas Vorfahren nur bis zum Nabel abgebildet. Die Köpfe haben nie auf die Bilder gepasst. Das war eine malerische Unmöglichkeit.
Bettina hat es immer gehasst, der Größte sein zu müssen. Auf sämtlichen Gruppenfotos ist nur sein Bauch zu sehen, weil er sich in Kopfhöhe der anderen befindet. Um seinen Mitschülern zu ähneln, hat er sich manchmal einen Mund auf seinen Pullover gemalt. Wenn er Auto fährt, sieht es aus, als würde er hinter dem Lenkrad stehen.
Das Tragische ist, obwohl er so groß ist, fühlt er sich klein. Ich gehe davon aus, dass es sich dabei um eine Folgeerscheinung seiner Größe handelt. Um einen Minderwertigkeitskomplex. Psychisch gesehen ist er ein Zwerg, ein Gnom, jemand, der überhaupt kein Selbstbewusstsein besitzt.
Einmal hat Bettina einem bekannten Reckturner, der im dritten Stock aus dem Fenster gesehen hat, im Vorbeigehen vom Bordstein aus die Hand geschüttelt. Das hat in der Sportwelt großen Eindruck hinterlassen, aber Bettina hat nur abgewehrt und gesagt, es sei ein Wunder, dass er es bei seiner kleinen Körpergröße überhaupt geschafft habe. Kürzlich hat Bettina beschlossen, seinen Namen zu ändern. Um die Tatsache, dass er ein Junge ist, ein für allemal klar zu stellen, will er sich jetzt Maxgüntherhorstwerner nennen oder Hanspeterklausdieter. Und natürlich will er kleiner werden, damit er sich nicht mehr so klein fühlt ...

Euer Doktor Komlos Daffner Winter