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Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Neue Namen für die Stadt


"Sie haben unsere Vorschläge nicht berücksichtigt." Torben zerknüllt enttäuscht einen der neuen offiziellen Stadtpläne, den er im Rathaus besorgt hat.

"Wie haben sie's genannt?", unterbreche ich und fummele das glänzende Papier auseinander. "Steintorviertel" prangt über den feingezeichneten Straßenlinien von Ludwig-Wucherer- und Geiststraße, und - natürlich - dem Steintor. "Oh, wie einfallsreich." Ich murre. Ist ja nicht so, als ob wir schon im Januar 2014 zwei famose Varianten ins Spiel gebracht hätten, öffentlich publiziert. Aber vermutlich liest man im Rathaus keinen BLITZ!.
"'Geisterviertel' wäre philosophischer gewesen", schmollt Torben, "'Philosophenviertel' wäre geistreicher gewesen", ergänze ich.
Wir schlendern die Rannische Straße hinab Richtung Glaucha, was jetzt endlich auch offiziell Glaucha heißt - als ob es vorher jemanden gekümmert hätte, dass es nicht offiziell so hieß. "Wir sollten eigene Namen unters Volk bringen und dafür sorgen, dass jeder sie benutzt, dann übernimmt das sicher auch der Stadtrat!", schlage ich vor, "Hat ja mit dem Weinberg-Campus auch geklappt!" - "Oder dem Medizinerviertel ..."
Einen Augenblick sind wir furchtbar euphorisch, doch dann müssen wir feststellen, dass uns gar nicht so viele gute Namen einfallen. "Aber was heißt schon gut? Neustadt war ja auch nicht gerade gut. Alles ist besser als das! Frohe Zukunft!", protestiere ich, als die Linie 1 an uns vorbeifährt. Wir besorgen uns Pappe, Klebeband und einen Edding und wenden Reclaim The City wortwörtlich an. Den ganzen Tag hüpfen wir von Bahn zu Bahn, taufen Freiimfelde "Bunte-Wand-Stadt" und den südlichen Gesundbrunnen "Rabenblick", benennen die Neustadt in "Ost-Bronx" und das Paulusviertel in "P-Berg" um, während der "Stadtbezirk Ost" (wirklich?!) zur "Hufeisenvorstadt" wird.
"Sehr, sehr gut", befindet Torben, als wir mit der letzten Pappe am Hauptbahnhof stehen. "Und was machen wir hier?" Auf unseren Stadtplan hat ein gelangweilter Geograf "Gebiet der AG" über die Fläche der nach Norden und Süden verlaufenden Gleise gekotzt.
"Das ist unwürdig", schüttele ich den Kopf. Was sollen denn die Besucher denken, die hier einfahren, und sich denken: 'Hach, Gebiet der AG, wie schön, dass ich endlich hier bin!' Hier muss etwas Inspirierendes hin, was Erwartungen weckt, die es vielleicht nicht vollständig erfüllen kann, aber voll Wohlklang und Zauber schwingt.
"Hallewood?", setzt Torben an, aber das klingt zu fake, zu sehr nach Schein. Ich öffne den Edding und male ein fein säuberliches Schild, das wir, an einen Stock geklebt, gemeinsam in das kleine Stückchen Wiese vor dem Haupteingang des Bahnhofs stecken: "Heimathafen".


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner