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Dr. Winters Kolumne

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Raus auf die Straße


Liebe Freunde, gestern habe ich wieder einmal total Lust auf eine Demonstration gehabt. 'Ich sollte wieder mal auf die Straße gehen', habe ich gedacht, 'wo komme ich denn hin, wenn ich dieses Recht nicht ab und zu an mich reiße, um auf beklagenswerte Widrigkeiten aufmerksam zu machen. Andere tun es ja auch. Wenn man nichts dagegen unternimmt', so habe ich weiter gedacht, 'bleibt alles immer so, wie es war, oder es wird noch schlimmer!' Und beklagenswerte Widrigkeiten gibt es nun wirklich mehr als genug! Dass mein Goldfisch seit mehreren Tagen versucht, mit dem Bauch nach oben zu schwimmen zum Beispiel, oder dass ich mir im Supermarkt häufig Dinge kaufe, die ich gar nicht brauche, und mich dann fürchterlich aufrege, dass mein Geld alle ist.
Manchmal ist eine Demonstration der einzige Weg, seinem gärenden Ärger eine Öffentlichkeit zu verschaffen. Zum Beispiel will ich schon lange meinen Unmut dagegen äußern, dass es zu wenige Friseure gibt. Wie oft habe ich mir schon Zöpfe flechten müssen, weil ich einfach keinen Friseurtermin bekommen habe. Mit diesem Frustpotenzial bin ich also auf die Straße gegangen und habe "Ich bin das Volk!" gerufen, weil ich allein demonstriert und die Formulierung "Wir sind das Volk!" für unpassend gehalten habe. Das hat nicht jedem sofort eingeleuchtet. "Ach, du bist das!" oder "So siehst du also aus!", lauteten die häufigsten Kommentare für mein öffentliches Engagement. Daraufhin habe ich mich für einen Schweigemarsch entschieden. Aber so ist es ja immer. Egal, wogegen man demonstriert, es gibt immer einige Leute, die dagegen sind, dass man gegen etwas demonstriert. Und dann gibt es wieder andere, die sind dagegen, dass es Leute gibt, die dagegen sind, dass man dagegen ist. Es ist schwierig. Nun kann man ja nicht sagen, dass Demonstrieren gegen alles hilft. Gegen Keuchhusten oder Hautunreinheiten braucht man nicht auf die Straße zu gehen. Da kommt nichts dabei heraus. Natürlich ist man dagegen, aber es wird nicht besser davon.
Wenn es einem einfallen sollte, gegen die beständige Zunahme seines Körpergewichtes zu demonstrieren, kann man möglicherweise auf eine beachtliche Anzahl von Sympathisanten stoßen, auf solidarisch gesinnte Personen, die sich dieses Anliegen zu eigen machen, aber besser wird dadurch auch nichts. Nein, man sollte sich schon gründlich überlegen, wogegen man seinen Protest richtet. Auch der Platz für eine Demonstration sollte sorgfältig gewählt werden. So sind beispielsweise Demonstrationen im häuslichen Umfeld, also von der Küche ins Bad und wieder zurück, selbst unter Zuhilfenahme eines ansprechend gestalteten Transparentes nur selten von Erfolg gekrönt.
Und da wir gerade dabei sind: Noch nie ist ein Ehekrach durch eine Demonstration aus der Welt geschafft worden. (Wieso glaubt man eigentlich, dass es bei Kriegen funktionieren könnte?) Nein, man muss schon auf die Straße gehen, und Fakt ist, dass Demonstrationen wesentlich erfolgversprechender sind, wenn sich mehrere für ein Ziel stark machen Man muss schon einen mitlaufen haben, wie man so sagt. Einen Gleichgesinnten, Verbündeten, jemanden, der ebenfalls Zöpfe trägt oder etwas Ähnliches, einen Dutt eventuell, aber bitte keine Glatze! Auf jeden Fall ist auf die Straße zu gehen besser, als mit seinem Groll so lange zu Hause zu sitzen, bis einem der Kragen platzt. Vielleicht trifft man ja auch auf den einen oder anderen sympathischen Wutbürger, wer weiß?

Euer Doktor Dutschke Bastian Winter