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Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Johann Janus' Kolumne

Ein Montagabend in Halle


Es ist ein durchschnittlicher Montagabend und ganz Halle schläft oder geht shoppen in der Leipziger oder trinken in der Kleinen Ulli. Ganz Halle? Nein: Eine kleine Minderheit steht in Silberhöhe auf dem Anhalter Platz und erhebt die Fahne des Protestes. Allerdings ist sie Schwarz-Rot-Gold und die kleine Minderheit eine Gruppe von 15 Leuten, die man ohne ihre Plakate für eine Clique Nachtstreuner halten könnte. Aber mitnichten: Sie sind das Volk. Sagen sie zumindest. Ich schlendere mit Torben vom Bahnsteig herüber und weiß nicht, ob ich lachen oder mich gruseln soll. Komischerweise sind es gar keine Nazis - die wissen wahrscheinlich, wie lächerlich Halgida ist, und lassen sich da lieber nicht blicken.
"Wogegen protestiert ihr eigentlich?", frage ich einen der Demonstranten, der sich ein Schild mit einer unverständlichen Kombination aus den Worten Islam, Asylanten und Lügenpresse gebastelt hat. "Na gegen diese Islamleute", sagt er mit Nachdruck, sein Kollege nickt eifrig. "Die kommen alle hierher und stehlen uns die Arbeitsplätze!" "Und leben von unseren Sozialleistungen!", ergänzt sein Nachbar. "In Sachsen-Anhalt gibt es aber nur 1,6 Prozent Immigranten", wendet Torben ein. "Mein Arzt ist aus Syrien, und der zahlt weitaus mehr Steuern als ich und findet es verwerflich, dass ich keine GEMA-Gebühren zahle." "Naja, Ausnahmen bestätigen die Regel", meint unser Gegenüber, leicht verunsichert.
"Wart ihr 1989 bei den Montagsdemos dabei?", frage ich, denn das Ausnahmen-Argument ist immer schwer zu widerlegen, wenn Menschen keine Statistiken verstehen. "Das könnt ihr mir aber glauben! Die haben mich mit Schlagstöcken verprügelt und die ganze Nacht im Knast festgehalten!" Er hält kurz inne, ein Gedanke kreuzt sein Gehirn. "Das war schon anders damals. Ich frage mich, warum heute nur so wenige auf die Straße gehen." Er deutet auf das Grüppchen um uns herum. "Vielleicht weil ihr nicht gegen einen Staat demonstriert, der seine Kritiker verprügelt und einsperrt, sondern gegen eine Islamisierung des christlichen Abendlandes, die nirgendwo weniger stattfindet als in Halle", werfe ich in den Raum. "Mal ehrlich, wann warst du das letzte Mal in der Kirche?" Wir unterhalten uns noch eine Weile, und Ronny erzählt uns, dass er eigentlich einen ganz guten Job hat, Christentum eher überflüssig findet und wenn er so drüber nachdenkt, die drei Ausländer, die er kenne, seit Jahren hier leben und "deutscher sind als der Jörg!" Jörg beschwert sich, aber Ronny meint: "Der Achmed aus der Zeitzer Straße?" Und da muss Jörg lachen und zustimmen.
Ja, ich bin ein fiktiver Kolumnenautor und die Wirklichkeit ist nicht immer so einfach. Aber als Ronny und Jörg zusammen mit uns zur Bahn gehen und sich entschließen, mehr mit Achmed aus der Zeitzer Straße zu unternehmen, da bin ich ein bisschen stolz auf Halle. Wo am Montagabend 231.552 Menschen ihr übliches Leben führen und wo sie auf die Straße gehen, um die Schließung der Uniklinik zu verhindern. "Bin ich naiv, wenn ich in solchen Momenten an das Gute im Menschen glaube?", frage ich Torben. Er schüttelt den Kopf. "Nennen wir es lieber hoffnungsvoll, Johann. Idealistisch vielleicht, aber vor allem hoffnungsvoll."


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner