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Kuscheln bei Hella Holter

Kuscheln bei Hella Holter

Kuscheln bei Hella Holter

Vom Denken ins Fühlen kommen


Im Posteingang klemmt eine Mail von Hella Holter, die allein durch den Betreff "Terminankündigung zur Kuschelparty" neugierig macht. Was ist eine Kuschelparty?

Wikipedia verrät uns, dass es sich dabei um Veranstaltungen handelt, auf denen einander fremde Menschen ohne sexuelle Absichten miteinander kuscheln. Hella Holter holte diesen Trend nach Halle. Wer geht zu solchen Parties und warum? Wir wollten es wissen und verabredeten uns mit Hella.

BLITZ!: Wie bist Du auf Kuschelparties gekommen?
Hella Holter: Kuschelparties habe ich zuerst in Berlin kennengelernt. Eine Freundin fragte mich, ob ich Lust hätte, da mal mit hinzukommen. Ich hatte gerade eine Trennung hinter mir und war offen für neue Erfahrungen. Wir waren etwa 30 Teilnehmer/innen, ich war überrascht, wie schnell ich mich nach anstrengender Arbeitswoche und der Fahrt nach Berlin entspannen konnte und erlebte eine sehr respektvolle und vertrauenswürdige Atmosphäre.

BLITZ!: Und jetzt veranstaltest Du selber Kuschelparties. Braucht man dazu eine Ausbildung?
H.H.: Ich bin von Beruf Diplom-Pädagogin, habe eine vierjährige Yogalehrerausbildung absolviert und als Vorbereitung für die Kuschelparties unter anderem eine Weiterbildung als Berührungstrainerin.

BLITZ!: Warum gibt es Deine Kuschelparty?
H.H.: Kuscheln ist ein menschliches Grundbedürfnis, das in unserer Gesellschaft manchmal zu kurz kommt. Selbst in Partnerschaften erleben Frauen und Männer neben der sexuellen Begegnung teilweise zu wenig Berührung. Auf einer Kuschelparty geht es um absichtsloses Berühren. Es ist eine Möglichkeit, anderen Menschen ohne viele Worte zu begegnen und intensive Erfahrungen von Geborgenheit, Nähe und Ausgleich zum hektischen Alltag zu machen. Man kommt vom Denken ins Fühlen, was tiefe Entspannung auslösen kann. Grund ist der Ausstoß von Glückshormonen, während Stresshormone abgebaut werden.

BLITZ!: Wer ist die Zielgruppe? Wer kommt zu Deinen Kuschelparties
H.H.: Für die Kuschelparty können sich Frauen, Männer, Singles, Paare zwischen 20 und 60 Jahren angesprochen fühlen. Die meisten Teilnehmer bewegen sich erfahrungsgemäß dabei in der Mitte, wobei es eigentlich keine Altersbegrenzung gibt.

BLITZ!: Wie läuft so eine Kuschelparty ab?
H.H.: Ein Kuschelnachmittag dauert circa drei Stunden und entwickelt sich in mehreren Phasen, einer Anfangsrunde, möglichen Wünschen oder Fragen der Teilnehmer, über erste Begegnungen beim Tanzen bis zum eigentlichen Kuscheln. Dabei bleiben alle bekleidet und die "Bikinizone" wird von Berührungen ausgeschlossen. Die Kuscheltrainer führen durch die gesamte Veranstaltung und achten auf die Einhaltung der Kuschelregeln. Jeder ist grundsätzlich für sich selbst verantwortlich und kann weitere Grenzen setzen. Am Ende entsteht oft eine sich umarmende Menschenmenge, die nicht mehr nach Hause will.


Nach dem Interview war vor dem Interview, denn zurück im Büro gab es mehr Fragen als zuvor. Absichtsloses Berühren? Geht das? Gut, jeder braucht Kuscheleinheiten - aber von Fremden? Gehört dazu nicht Vertrauen? Spielt das Geschlecht eine Rolle? Ist das seriös?
Fragen, die sich nur im Selbstversuch beantworten lassen. Kurz vor Weihnachten saß ich bei gedämpften Licht in Jogginghose und T-Shirt im Kreise völlig fremder Menschen. In der ersten Runde beantwortete jeder das persönliche Warum? Er hat sich jüngst getrennt, sie brauchte eine Pause vom Weihnachtsstress, es kamen Leute, die sonst regelmäßig Kuschelparties in Leipzig oder Dessau besuchen, und jemand, der einfach nur neugierig war. Nette Leute.

Zum Lockerwerden wurde zu "Jingle Bells" oder den Rolling Stones getanzt und ab dem dritten Lied begannen nach Hellas Anweisungen die ersten eher zufälligen Berührungen. Dann moderierte die Berührungstrainerin zur Hare-Krishna-Musik eine entspannende Reise durch den eigenen Körper, was ungemein esoterisch wirkte. Ich war unsicher, ob ich gleich kichern oder in Trance verfallen würde. Es gab sehr interessante Spielchen, die Berührungen von Fremden unerwartet leicht zuließen und Momente, die ich eher als unangenehm empfand. Alles recht harmlos, es wurde zunehmend mehr und mehr berührt. Jeder sagte, was er wollte und was nicht.

Wo andere sich mit verbundenen Augen vom Scheitel bis zur Sohle berühren ließen, ging es bei mir nicht über eine Rückenmassage und etwas Wadenbehandlung hinaus. Als sich nach einer Pause alle zum gemeinschaftlichen Streicheln in einem großen Knäuel auf den Matratzen verknoteten, ließ ich das Bild kurz auf mich wirken und verabschiedete mich leise. Ich bin wohl noch nicht so weit. Kopfsache und vielleicht mangelndes Bedürfnis. Alle anderen wirkten sehr entspannt.


Nächster Termin:

31.01. 16 Uhr Halle, Luisenstraße 6


Wort und Bild: Thomas Leibe