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BLITZ-10-2016-THUERINGEN

8 Magazin Renate Reuther setzte sich mit dem "Geschmack der Heimat", der "Kul- turgeschichte des Essens und Trin- kens" speziell in der Region Rudol- stadt, Saalfeld und Neuhaus ausein- ander. Das lobens- und lesenswerte Ergebnis ihrer Recherchen erschien im Verlag Bussert & Stadeler (Leip- zig, Jena, Quedlinburg). Und völlig zu recht stellt die Autorin fest: "Der Fülle der vorgelegten Fakten kann man große Zusammenhänge ent- nehmen, ebenso wie Kuriositäten am Rande." Sie illustriert die Fülle mit er- hellenden Abbildungen u.a. aus dem Rudolstädter Stadtarchiv. Wir erfreuen uns an Bäckerläden, Kloßmädchen und Ernteeinsätzen, an Schokoladenfabriken, Gaststu- ben und Bratwurstständen. Doch auch Frondienste und Hungers- nöte spart Renate Reuther nicht aus. "Paradoxerweise waren die Steuern in armen Gemeinden relativ am höch- sten. Gerade die Ärmsten wurden am stärksten belastet", schreibt sie sowie: "In Schwarzburg-Rudolstadt zählten (noch im 19. Jahrhundert - d.Red.) drei Viertel der Bevölkerung zu den Klein- und Kleinstbauern, nur vier bis zehn Prozent galten als begütert." Das Forstarbeiterfrühstück im Thürin- ger Wald sah damals z.B. so aus: "Ein Stück Schwarzbrot, ein Stück Käse, ein Schluck Branntwein", zum Mittag gab es dann Salzkartoffeln ohne wei- tere Zutaten. Vor Einführung der Kar- toffel im 18. Jahrhundert aß man Ge- treidebrei, bei armen Leuten "jeden Tag und praktisch zu jeder Mahlzeit". Und wir lesen und staunen: "Bis ins 15. Jahrhundert war (auch) Bier häu- fig eine Art flüssiger Brei." Die Autorin schreibt: "Bier war ein Lebensmittel", man braute "ein leichtes alkoholar- mes Bier, das in größerer Menge ohne Schaden von der ganzen Fami- lie konsumiert werden konnte", u.a. in Form von Biersuppen. Aus den eben erwähnten Kartoffeln entstanden die Klöße. "Meist gab es zwei Kloßtage in der Woche. Am Sonntag gab es Fleisch dazu, das in den armen Bergorten wohl auch ein- mal vom Hund sein konnte, am an- deren Kloßtag meist nur eine Brühe." Die Bratwurst wiederum "vereinte alle Gesellschaftsschichten, Einheimi- sche wie Zugewanderte. In den Zei- ten der Stände- und Klassengesell- schaft wurde dies als bemerkens- werte Eigenart Rudolstadts immer wieder erwähnt". Und so langsam wird uns klar und klarer: Der Geschmack der Heimat wandelt sich, er war schon bei unse- ren Großeltern ein anderer als heute. Doch manches bleibt und manches kommt wieder, denken wir nur an die derzeitige Rückbesinnung auf regionale Lebensmittel und Selbstversorgung. www.bussert-stadeler.de WORT: PAUL FELS / BILD: PF, VERLAG Renate Reuthers Buch vom Essen Bratwurst für alle! Drei Mal am Tag Brei, drei Mal am Tag Kartoffeln oder drei Mal am Tag Bratwurst - das alles hat es gegeben! Nun gibt es ein Buch darüber. BLITZ! Der Buchhändler und Verleger Jörg Mielczarek aus Bonn kennt beides und machte aus seiner Leidenschaft für Literatur der Weimarer Republik ein Projekt. Mit dem Buch "Von Unter- tanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften" und der zu- gehörigen Facebook-Seite literatur- weimar.de möchte er seine Begeiste- rung teilen sowie aufmerksam ma- chen auf einst Geschriebenes, das ge- rade heute eben nicht nur historisch verstanden werden sollte. Einen fikti- ven U-Bahn-Plan nutzend, ordnete Jörg Mielczarek den literarischen Strömungen dieser vielseitigen und vielschichtigen Zeit verschiedene Far- ben zu. Inspiriert wurde er von einem "RollingStone"-ArtikelüberdieRolling Stones: Charlie Watts, so wurde be- richtet, hatte den Londoner U-Bahn- Plan abgezeichnet und die Stationen nach seinen Lieblingsplatten benannt. Jörg Mielczareks Buch hingegen wird zu einer Reise in die Weimarer Repu- blik. Auf acht Touren lernen wir wich- tigeSchriftstellerundTitelkennen.Das fühlt sich an, als würde einem ein Freund von seinen Lieblingsbüchern erzählen. Was für ein Mensch war der Autor? Warum schrieb er, was er schrieb? Und welche Rolle spielte die Zeit, in der er lebte? Dank des "Reise"- Systems erkennt man Zusammen- hänge besser und kann Geschichtli- ches für sich einordnen. Man begreift, wie aktuell die Werke der Weimarer Zeit immer noch sind. Obwohl Jörg Mielczarek betont, dass sein Projekt eher subjektive Eindrücke schildert, dominieren nicht persönli- che Meinungen und Befindlichkeiten, er bleibt angenehm zurückhaltend und erreicht so seinen Zweck: Auf- merksam machen, Neugier und Inter- esse wecken. Jörg Mielczarek wird zum Reiseführer, der Leser zum Zeit- reisenden. In Weimar ist man auf diese Sache aufmerksam geworden. In der Face- book-Gruppe "Weimar around the World" werden regelmäßig Beiträge von literatur-weimar.de geteilt. Dazu gehört auch die neue Idee von Jörg Mielczarek, eine Zeitschrift zum Thema. "Fünf. Zwei. Vier. Neun." führt die Idee weiter, auch abseits akade- mischer Kreise Interesse an Literatur aus der Weimarer Zeit zu wecken und sich nicht auf das bereits Be- kannte zu beschränken. Es sind Menschen wie Jörg Mielcza- rek, die auf vergessene "Schätze" auf- merksam machen - wie auf Lessie Sachs und deren Gedichtband "Tag und Nacht" oder auf die Erzählungen und Novellen von Mala Laaser - und die keine Angst vor innovativen Kon- zepten haben. Jeder Ausgabe der neuen Zeitschrift soll eine Ta- schenbuchausgabe mit dem Schwer- punkt des Monats beiliegen. Facebook: literatur-weimar.de WORT: ULRIKE MELZER / BILD: JM Jörg Mielczareks Reisen Literatur aus Weimar Es gibt verschiedene Wege, sich mit Literatur zu beschäftigen, intellektuell und wissenschaftlich oder aus einer Faszination heraus.

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