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BLITZ-2016-09-Chemnitz

6 Theater BLITZ! Von dieser Popularität profitierend und pädagogische Einwände auf- greifend, legte die englische Gruppe The Tiger Lillies eine musicalartige, ra- benschwarze Variante des Stoffes vor, die all denen, die den spezifi- schen Humor der Inselbewohner mögen, ungetrübtes Vergnügen be- reiten wird. Dabei befreien sie die malträtierten Kleinen von dem ihnen zugeschobenen "Schwarzen Peter" und nehmen dafür die Erziehungsme- thoden ihrer Erzeuger ins Visier. Zur Eröffnung der Spielzeit hat sich nun Schauspieldirektor Carsten Knödler des Stückes angenommen, dessen glückliches Händchen für musikali- sche Projekte sich spätestens seit sei- ner den Beatles-Referenz erweisen- den Version des Romeo-und-Julia-Stof- fes nicht nur in Chemnitz herumge- sprochen hat. Wie gehe ich mit An- dersartigem um, was bedeutet heut- zutage Toleranz, wie definieren wir das Böse? Das sind nur einige der Fra- gen, die ihn bei diesem "Struwwelpe- ter" bewegen. Als er 2013 nach Chemnitz kam, be- deutete dieses Engagement für ihn ein neuerliches Heimspiel, verbrachte er doch als Sohn des viele Jahre in unse- rer Stadt und danach an der Berliner Volksbühne tätigen Schauspielers Gerd Preusche seine Kindheit und Ju- gend vor allem im damaligen Karl- Marx-Stadt. Und obwohl derartig künstlerisch vorbelastet, entschloss sich der Abiturient zunächst für ein Chemie- studium in der geliebten Geburtsstadt Dresden - eine verhängnisvolle Orts- wahl,denndasdortüberquellendekul- turelle Angebot weckte ernsthafte Zweifel am erstrebten Beruf und zog ihn nun endgültig zur Bühne. Als Kon- sequenz schloss sich für den diplomier- ten Chemiker ein zweites Studium, nun- mehr der edlen Schauspielkunst und diesmal in Leipzig, an. Die dort erwor- benen Fertigkeiten stellte der junge Mimeab1995inChemnitzinrund25 Komisches und Tragisches gleicher- maßen ausschöpfenden Rollen unter Beweis. Besonders in Erinnerung ge- bliebensindmirderhintergründiggrus- lige Holländer-Michel in Oberenders "Kaltem Herz", der sich in den Wahn rettendeEdgar("KönigLear")oderder Bassa Selim in Mozarts "Entführung". Die so erworbene Theaterpraxis er- weckt rasch das Interesse, selbst ein- mal auf dem Regiestuhl Platz zu neh- men und eigenverantwortlich eine Ins- zenierung zu erarbeiten. Nach ersten Versuchen glückt ihm mit dem "Unter- gang des Hauses Usher" auf der Hin- terbühne eine Deutung, die die Dü- sternis von Poes Erzählung beklem- mend ins Bild rückt und mit Nachdruck auf eine besondere Fähigkeit des De- bütanten verweist - die jeweiligen Kon- flikte der Figuren mit einer spezifischen Atmosphäre zu versehen, deren ei- genartiger Reiz nicht zuletzt von be- dacht ausgewählten musikalischen Beigaben unterfüttert wird. All diese Vorzüge gelangen in seiner Version von Fontanes "Effi Briest", mit der sich der Künstler vorläufig von Chemnitz verabschiedet, vollends zum Tragen. Doch auch nach seinem Weggang bringt sich Carsten Knödler mit Ga- stinszenierungen in Chemnitz in Erinne- rung.ErinnertseianArthurMillersohne vordergründige Aktualisierung auf die Bühne gebrachte "Hexenjagd", die eindringlich vorführte, wie weltan- schauliche, hier religiöse, Verblendung in mörderische Pogromstimmung mün- det. Und schließlich sei die "Weiße Rose" genannt, die dank der bis ins kleinste Detail stimmigen Umsetzung und hervorragender Hauptdarsteller die Chemnitzer über Jahre in Scharen ins Schauspielhaus lockte. Das Ge- heimnis dieses Erfolges: Der Regisseur inszeniert das Stück und nicht sich selbst. Und dabei spricht er nicht nur den Verstand, sondern, und das ist gra- vierend, zugleich die Emotionen des Zuschauers an. Somit geht zu Herzen, was von Herzen kommt. Drei Jahre nach der Rückkehr in un- sere Stadt und seinem Amtsantritt als Schauspieldirektor lässt sich resümie- ren: Mittlerweile erfreuen wir uns an einem altersmäßig ausgewogenerem Ensemble, das besonderen Wert auf eine vorzügliche Sprechkultur legt. Das Spielplanangebot überzeugt, weil es nicht nur vor 1945 letztmals gegebene Klassiker erneut zur Diskus- sion stellt, sondern der Gegenwarts- dramatik ebenso ihren Platz einräumt wie unterhaltsamen Angeboten des Boulevardtheaters. Unterschiedliche Regiehandschriften sprechen für künst- lerische Vielfalt. Auch der Jugendthea- terclub arbeitet, der naturgegebenen Fluktuation zum Trotz, an einem neuen, diesmal eigenen Projekt. Für den 17. September wünschen wir Carsten Knödler und allen Mitwirken- den einen gelingenden "Struwwelpe- ter", der keinerlei "Hoffmannstropfen" benötigt. WORT UND BILD: JOACHIM WEISE Struwwelpeter-Termine: 17., 24. und 28.09., 14.10. Chemnitz, Schauspielhaus Carsten Knödler Schwarzer Peter, weiße Rose Mit seinem 1847 in endgültiger Fassung vorgelegten, Reim und Bild geschickt vereinenden "Struwwelpeter" gelang dem Nervenarzt Heinrich Hoffmann ein Wurf, der seinen Namen in die Welt trug.

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