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BLITZ-2016-09-Chemnitz

12 Musik BLITZ! Andreas Kümmert Recovery Case Byebye Eine Dir unbekannte Band Nichts ist unaufhaltsamer als eine Sache, deren Zeit gekommen ist: Oliver Haas und Tim Ludwig aus Leipzig haben sich in den letzen Jahren auf hunderten Kleinkonzer- ten und Privat-Partys in WGs und Kneipen, in kleinen Clubs und auf öffentlichen Plätzen den Allerwerte- sten ab- und so allmählich die Auf- merksamkeit einer immer größer werdenden Gemeinde erspielt. Sie sind sich in dieser Zeit der eigenen Stilmittel sicher geworden: Was geht in diesem Kontext, was sind meine Themen, wie setze ich die Melodien in den Songs so ein, dass sie ohne unnötigen Zierrat wie klare Perlen funkeln, wie dynamisiere ich die Stücke mit sauber gesetzter vo- kaler Rhythmik? Für die Produktion ihres zweiten Albums sind sie kurz zur Band geworden. Aber sie haben es tunlichst vermieden, eine typische Breitwandproduktion zu entrollen. Das atmet noch die mini- male, transparente Frische eines Gi- tarrenduos, es ist nur ganz sanft in den unteren Frequenzbereichen auf eine ordentliche Basis gesetzt, ein dezentes Schlagzeug zieht filigrane Strukturen ein, das Keyboard sorgt hie für ein paar zarte Flächen, da für eine Retrofigur. Sie gönnen sich auch einige locker eingestreute Gi- tarrenspielereien. Musik und Texte sind intelligent und hintergründig, aber nicht grüblerisch-tiefsinnig, sehr oft sehr poetisch, aber nie ver- künstelt geschraubt. Das will das große Ganze nicht ausblenden, aber vermeidet aufgesetzte Erklär- versuche zugunsten privater Sich- ten. Liebe, Sehnsucht und Hoffnung spielen bei ihnen eine große Rolle, aber es wird keine Sekunde lang schwülstig. Die Lieder bleiben immer bodenständig und sympa- thisch - und viele davon schon beim ersten Mal hängen. Byebye Wohn- zimmerparty, die Zeit ist reif für Größeres. FRODO WAWRZYNIAK Andreas Kümmert ist diesem Land als Aussteiger in Erinnerung. Der Mann, der den deutschen Aus- scheid beim Grand Prix überlegen gewann und anschließend das Ticket zum Finale freundlich weiter- gab. Er hat instinktiv gefühlt, dass die Journaille schon bereit stand, ihn zur Freakshow-Marionette, zum drolligen Conchita-Gegenentwurf zu verwursten. Sein Potenzial war schon damals nicht zu überhören. Diese brachiale Authentizität hat nicht zufällig Millionen elektrisiert. Jetzt gibt es das ganz ursprünglich und ohne Filter auf seinem zweiten Album. Es ist rückhaltlos und wahr- haftig, dabei hat es gleichzeitig Kraft und Coolness, entspannte Lockerheit und konzentrierte Profes- sionalität. Mit seiner jahrelangen Er- fahrung in diversen Bands kann Kümmert eine unglaubliche emotio- nale Bandbreite von seinen Stimm- bändern abrufen, ganz unver- krampft, ohne theatralisches Vokal- Pressing. Er ist eigentlich ein Blue- Eyed Soulman. Gleichzeitig steckt viel Popappeal in seinem europäi- schen Rhythm 'n Blues. Er ist ein Rocker mit Herz, ein ehrlicher Kum- peltyp, der nicht davor zurück- scheut, auch mal echte Tiefen aus- zuloten. Entstanden sind Lieder, die behutsam, vielschichtig und penibel produziert sind, ohne sich in Schnör- keleien zu verlieren. Kümmerts Stimme wäre in der Lage, kreative Leerräume zu überbrücken. Um so schöner, dass sie das nicht muss, weil es keine gibt. Der Meister liebt ausgedehnte Ausflüge in den Retro- Garten, als der Rock'n'Roll noch an die eigene Botschaft geglaubt hat. Lieder, die auf die Pennälerfete ge- nauso wie ins Truckercockpit pas- sen, die sowohl ohrensesselkompa- tibel als auch gartenpartytauglich sind. Andreas Kümmert kann Mehr- heiten auch ohne Samstagabend- TV-Show erreichen. FW Funny van Dannen Come On - Live im Lido White Lies Big TV mein favorit Ich hatte schon immer eine Schwäche für alles Britische. Tee, Harry Potter und Pop-Musik, die so melancholisch ist, dass man sie am besten an Regentagen hört. Die Musik der Londoner Jungs von White Lies passt perfekt in diese Ka- tegorie. Musikalisch kann man sie irgendwo zwischen Travis und Placebo einordnen. Die Songs auf "Big TV" erzählen Geschichten von Liebe, Verlust und Vergebung. Lieblingstitel auf diesem Album ist wohl "First Time Caller", ein gesungener Liebesbrief, der sich bereits beim ersten Wort - "Darling" - der vollen Aufmerksamkeit der Zuhörer sicher sein kann. Tanzbare Melodien mixen sich mit der sanften Stimme des Sängers Harry McVeigh. Neben dem charmanten britischen Akzent sind 80er-Jahre-Synthesizerklänge, die sich mit harten Rockgitarrenriffs verbinden, typisch für diese Band. Im Herbst sind die White Lies auf Tour in Deutschland, ein Konzerterlebnis, das ich nur empfeh- len kann. Zudem kommt am 7. Oktober das von Fans sehnsüchtig erwartete vierte Album "Friends" heraus. CLAUDIA SÖLLNER, FREIE JOURNALISTIN, APOLDA Der schräghumorige Liedermacher mit Kultstatus legt ein Live-Album vor. Kein Aufguss oller Kamellen, die Songs sind neu: Warum ins Studio, bei ihm gibt's ohnehin nur Gitarre und Stimme. Das aber unvergleich- lich! Zum Schreien, wie er das Ge- heimnis der Faszination von Fußball aufdeckt: "Latente Homosexualität". Sollte Pflichtbeschallung werden in den Südkurven des Landes. Oder: "Ich hab im Traum Wolfgang Schäuble verprügelt. Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich schäm' …" Man muss ihn dafür lieben! FW Wolf Hoffmann Headbangers Symphony Er hat Klassiker geschaffen. Etliche Riffs seiner Band Accept gehören dazu, unsterblich die Integration von Beethovens "Für Elise" in den Metal-Evergreen "Metal Heart". Sein zweites Alleinalbum zelebriert erneut die Verschmelzung großer Melodien aus der klassischen Musik mit hartem Rock. Wunderschön an- und durchzuhören, die perfekte Symbiose wird es indes nicht: Spä- testens beim Einsatz des Schlag- zeugs kommt der Headbanger-Re- flex und dann scheidet sich der Me- taller wieder vom Klassik-Freak … FW

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