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BLITZ-06-2016-DRESDEN

12 Musik BLITZ! Danny Dziuk Wer auch immer, was auch immer ... Silly Wutfänger Das berühmte dritte Album. Nach dem überragenden Erfolg des ersten sucht das zweite neue Wege. Mit dem dritten findet dann die Band zum eigenen Selbst. Eigentlich. Die Geschichte von Silly zählt freilich ein paar Alben mehr. Doch mit dieser Platte müssen wir beginnen, die Story von zwei verschiedenen Bands mit dem gleichen Namen zu er- zählen. Für beide gilt: Der knackige Popsong steht gleichberechtigt neben dem ganz großen Wurf von bleibenden Melodiebögen mit lyri- schen Anspruch. Unser Anspieltipp "Das haben wir erlebt" ist einer der ersten Sorte. Ein Song, den man früh im Radio aufschnappt und der einem schon in diesem Moment, ohne dass man es mitkriegt, den Tag gerettet hat. Für die Texte zeichnet Anna Loos nun im Wesentlichen selbst ver- antwortlich. Sie teilt kräftig gegen Neider, Schleimer und Dumm- schwätzer aus, spart auch nicht mit dem freundlichen Hinweis, wo die sie mal können. Gelegentlich wer- den auch Dimensionen angepeilt, zu denen Popsongs in der Regel nicht vordringen. Bei "Dimensionen" zum Beispiel: Gedankenspiel oder umfas- sender philosophischer Ansatz? Gibt es uns eigentlich wirklich? Oder sogar unendlich oft? Old Plato tritt aus seinem Höhlengleichnis und tanzt mit uns die Parallelwelten-Theo- rie. Das Ganze in den bekannten, virtuos gewebten Klanggewändern. Punktgenau gesetzte Harmonien und Hooklines finden sich zu Lie- dern, bei denen man glaubt, sie hät- ten lang schon in einem geruht und nur auf dem Moment gewartet, wachgeküsst zu werden. Ein Bermu- dadreieck zwischen Annas Stimme und Texten, Bartons Piano und Has- sbeckers Gitarre. Fazit: Silly mit Ta- mara Danz sind ein Popmonument. Silly mit Anna Loos sind ist eine ge- genwärtige, sehr lebendige und un- glaublich gute Band. FW Der umtriebige Singer/Songwriter deutscher Zunge hat schon mit vie- len gearbeitet, bekannt ist er vor allem aus dem Stoppok-Umfeld und von seiner Band Dziuks Küche. Ge- legentlich veröffentlicht er auch So- loalben, die ihn ungefähr in der Mitte zwischen Stoppok und Hans- Eckardt Wenzel verorten. Er steht für eine Form von Texten, die heute sel- ten geworden ist. Kein Posen, keine Parolen, scheinbar sehr privat das alles, aber gleichzeitig fast immer hochpolitisch. Er liebt Metaphern voller gewollter Vieldeutigkeit, seine Botschaften liegen nicht klar auf der Hand, schon gar nicht nach dem er- sten Hören. Sie entstehen eigentlich erst in Hörers Hirn und können dort auch Veränderungen erfahren, wenn sich die Subtexte und Konnot- ationen entfalten. Durchaus mög- lich, dass zwei Leute von zwei völlig verschiedenen Kopfkinofilmen schwärmen, die beide aus dem sel- ben Song entstanden sind. Wer klare Fragen und ebensolche Ant- worten will, wird hier eher ratlos zurückbleiben. Dafür gibt es krasse Bilde wie etwa "… ein Himmel in der Farbe eines Zinksargs" . Einen Song gibt es doch, der eine konkrete Ge- schichte erzählt: Jene der Kana- dierin Amanda Todd, die via Social Networking von ihrem vermeintli- chen Gesichtsbuchfreunden zum Suizid gemobbt wurde. Sehr ver- störend, bewusst dissonant instru- mentiert. Versöhnung dann am Schluss: Der beginnt mit der ebenso lapidaren wie nachvollziehbaren Feststellung: "Jedes Kind weiß, mit der Welt hier läuft grandios was schief …" Eine Lösung hat Danny Dziuk nicht, aber er schlägt als ver- nünftigen Erstansatz die Einrichtung einer arschlochfreien Zone vor. Als Keimzelle sozusagen und erweiter- baren Rückzugsort. Gute Idee, ei- gentlich. Doch wohin dann mit etli- chen Politikern? FRODO WAWRZYNIAK Annett Louisan Berlin - Kapstadt - Prag Annuluk B*A*M Jazz Cartier Hotel Paranoia mein favorit Der Newcomer Jazz Cartier hat ohne Zweifel Superstar-Qualitäten. Der Ka- nadier ist Teil einer neuen Rapper-Generation aus Toronto, die mit einem weiträumigen Kreativitätskosmos gerade die Rap-Landschaft umkrempelt. Mancherorts als Kanadas Antwort auf Travis $cott gehandelt, umfasst auch Cartiers Album "Hotel Paranoia" eine musikalische Range, die zwischen wahnsinnigem Zeremonienmeister, charmantem Frauenversteher und straßen- erprobtem Hood-König switcht. Thematisiert werden melancholische, mani- sche und auch mal beklemmende Innen- wie Außenzustände. In manchen Songs wirkt das Album wie ein musikalisches Äquivalent zu "Twin Peaks", dem schaurigen TV-Kammerspiel von Altmeister David Lynch. Seine anpassungs- fähige Delivery und die Vorliebe für bildhafte Slogans fusioniert hier mit einem Gespür für hartnäckige Ohrwurm-Hooklines, was die Grenze zwischen Rap und Gesang, Realität und Fiktion und Dies- und Jenseits aufhebt und damit den Status Quo von HipHop nicht besser ausformulieren könnte. JULIAN GUPTA SPLASH! ENTERTAINMENT CHEMNITZ/BERLIN WWW.SPLASH-FESTIVAL.DE Global-Pop-Ambient-Jazz oder Avant- garde-Elektro mit elektrisierendem Gesang à la Björk? Das Quartett um die tschechische Sängerin Michaela "Misa" Holubova bietet atmosphäri- sche Musik, die keinerlei Wert darauf legt, sich irgendwo einzuschmeicheln. Vielmehr verlangt sie vom Hörer, sich mental auf diese Reise vorzube- reiten. Wer sich auf den Plan ein- lässt, wird bald schon mit mystisch- faszinierenden Achterbahnfahrten der Seele belohnt. Gelegentlich ist dieser ausufernde Traumpop sogar richtig tanzbar. FW Die Bandbreite ist atemberaubend: Von Rammstein (herrlich atmosphäri- scher Opener) bis Udo Jürgens, von Marteria bis zur Münchener Freiheit, von Kraftwerk bis Tokio Hotel. Frau Louisan geht wirklich open minded durch die Pop-Landschaften, ver- passt jedem dieser Songs mit ihrer markanten Kindfraustimme auf mini- malen Arrangements ganz eigene Akzente. Der Reiz ist der Unterscheid zu den weitgehend bekannten Ori- ginalen. Wer sich seinerzeit für Nou- velle Vague begeisterte, wird auch dieses Album lieben. FW

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