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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Es könnte schlimmer kommen


Wie ticken die Deutschen wirklich? Die Frage ist so spannend, dass sogar wir Deutschen versuchen, das herauszubekommen. Darum gibt es ständig Umfragen, die uns fragen, wie wir wirklich sind, um es uns hinterher zu verraten. Dabei ist interessant, dass man auf das wirklich so pocht. Das lässt vermuten, dass wir zum Einen nur sind und zum Anderen wirklich sind. Und dass es da Unterschiede zu geben scheint. Eine dieser Umfrage ergab, dass der Sachse mit seiner wirtschaftlichen Situation prinzipiell zufrieden ist. Er findet nur den ganzen Rest scheiße. Schuld an seiner Lage sind die Wessis, die Politiker und die Ausländer. Er nicht. Oder wie ein sächsisches Sprichwort sagt: "Die sind schuld!" Er lässt dabei gern offen, wer die sind, was er schon als Offenheit definiert.
Jedenfalls komme ich überhaupt auf das Thema, weil mir aufgefallen ist, dass der Deutsche immer seiner Zeit voraus ist. Anders gesagt, er ist so mit dem Morgen beschäftigt, dass er das Heute kaum zur Kenntnis nimmt. Nehmen wir mal das Wetter: An einem herrlichen Montag, voller Sonne und einfach nur schön, hörte ich im Radio mehrere Wetterberichte, bei denen es ständig darum ging, dass es ab Mittwoch, spätestens Donnerstag schlechter werden würde. Irgendwann konnte ich das schöne Wetter gar nicht mehr genießen, weil es ja in ein paar Tagen schlechter werden würde. Ich war kurz davor, mir einen Schirm mitzunehmen, als ich raus ging! Nun weiß ich auch, warum auf Sachsens Flachlandwegen die Wanderer oft in Ausrüstungen unterwegs sind, mit denen man in hochalpinen Regionen locker überleben könnte. Die haben den Wetterbericht gehört und dabei erfahren, dass es bald anders werden wird.
Und so geht das durch den kompletten Alltag. Worüber soll man sich denn noch freuen? Der Dax steigt zwar seit Jahren unaufhörlich und jagt einen Rekord nach dem anderen, aber die Analysten weisen immer wieder darauf hin, dass sich das ändern könnte. Die Wirtschaftsdaten sind der Wahnsinn, aber die Wirtschaftsheilpraktiker warnen vor Euphorie, denn es wird nicht so bleiben. Perverses Beispiel ist Siemens, die zum Zeitpunkt eines Milliardengewinnes (!) verkünden, dass sie etwa 7.000 Mitarbeiter entlassen müssen. Es könnte sich morgen auszahlen. Deutschland ist Exportweltmeister, aber wehe der Euro steigt um ein sechzehntel Cent, dann verteuern sich deutsche Waren und wir exportieren gar nichts mehr! Die Sozialkassen laufen über, aber die Kassenwarte warnen, dass das in 50 Jahren ganz anders sein könnte. Darum bauen wir ein soziales Rückschlagventil - also Geld rein, aber nicht raus - und die Kassen laufen noch überer.
So geht das den ganzen Tag. Anstatt das Jetzt und Hier zu genießen, schieben wir Frust, weil das ja bald anders wird. Kein Wunder, dass der Sachse alles doof findet, er ist halt gutgläubig. Die Einzigen, die eine Ausnahme machen, sind die Fußballexperten. Wenn da ein völlig blinder Stürmer plötzlich ein Tor schießt, wird gefragt, ob Jogi an dem noch vorbeikommt. Und wenn Mannschaften das zweite Spiel in Folge gewinnen, spricht man von einer Siegesserie und fragt natürlich besorgt, wann die reißt. Okay, beim FC in Köln macht man das schon nach nur einem Sieg. In diesem Zusammenhang wundere ich mich, dass wir noch Sex haben, da sich ganz viele Deutsche danach ausgelaugt fühlen, unzufrieden oder enttäuscht wurden. Auch bekommen fast 6 Prozent Hautprobleme durch Rammelschweiß! Sind wir nicht verrückte Typen, dass wir Kinder in die Welt setzen? Schließlich endet jedes Leben tödlich! Ob ich mich auf 2018 freue? Lieber nicht, wenn ich bedenke, was 2019 alles passieren könnte.
Wohlmeinend pessimistisch, ciao, Euer Mario


Thiels Treffen:

11.01. Putjatinhaus, Gast: Hans-Jürgen Matzker (Ehrenbäcker und Autor)


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade