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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Falle Fußball


Sonntags rufen sich in meiner Familie alle gegenseitig an, es wird also eine interne Liste abgearbeitet. Um allen eine Teilnahme an der Anteilnahme zu ermöglichen, werden die Inhalte weggelassen und die Gespräche mit dem Hinweis, dass "soweit alles in Ordnung" sei, abgekürzt. Meist begibt man sich auf Themenfelder, die keinen Generationenkonflikt oder politische Diskussionen nach sich ziehen können. Also wie überall. Nach dem Start der Fußballsaison wollte ich meiner Tante, eigentlich ist sie das gar nicht, aber ich nenne sie schon immer so, zum Sieg ihrer Lieblingsmannschaft gratulieren und damit etwas unverfänglich Erfreuliches ansprechen. Im Prinzip war mir ihre Mannschaft egal bzw. kann ich Frauen in Fußballdiskussionen nicht ernst nehmen bzw. war das auch nicht ihre, sondern die Lieblingsmannschaft ihres Mannes, der, wie die Mannschaft, auch nicht von hier ist. Jedenfalls hatten die tatsächlich gewonnen, was meine Tante überraschenderweise gar nicht euphorisch machte. Im Gegenteil: "Da stimmt doch was nicht!" Ich: "Wieso? Weil die mal gewonnen haben?" Meine Tante äffte los: "Der Trainer, der Trainer …"
Ich kann solche Ausbrüche darum nicht leiden, weil jemand für etwas kritisiert wird, wofür er selbst am wenigsten kann. Die Ausnahme ist Uli Hoeneß, der feiert sich selbst. Also fragte ich leicht irritiert, was denn mit dem Neuen los sei. Worauf es meiner Tante entfuhr: "Das ist doch eine Schwuchtel!" Ich hätte ja mit vielem gerechnet: Mit den falschen Klamotten, einer Scheißfrisur, vielleicht sogar einer schlechten Taktik, wobei das meiner Tante gar nicht aufgefallen wäre, aber damit nicht. Zumal ihre Liebe zum Verein nicht ganz so groß zu sein schien, wie ihre Abneigung gegen Schwule. Sogar gegen nur angenommene Schwule. Darum fragte ich, wie sie darauf kam. "Das sieht man doch! Wie der die Spieler umarmt hat …" So langsam fiel ich vom Glauben ab. "Woran erkennt jemand, der seit Jahren sein Dorf nicht verlassen hat, eine als Trainer getarnte Schwuchtel? Und wo liegt das Problem beim Umarmen? Ich meine, die Luschen haben gewonnen! Das war für die auch was Neues." Typisches Argument dagegen: "Das sehe ich dem doch an! Hast du gesehen, wie der die umarmt hat?" Nein, hatte ich nicht. Hatte aber auch noch nie gehört, dass es da Vorgaben gibt. "Selbst wenn der schwul wäre, wäre das nicht völlig wurscht, so lange er nicht beim Duschen jeden Spieler persönlich einseifen will? Und selbst das könnte dir doch egal sein, so lange du nicht mitduschen musst, was ja auch Quatsch wäre, sollte er schwul sein!"
So langsam regte ich mich auf. Meine Tante hatte noch mehr knallharte Beweisstücke in der Hinterhand. "Mir war das gleich komisch, dass der nur so kurz bei dem letzten Verein war. Da war bestimmt was!" - "Na klar, das dreifache Gehalt beim neuen Verein!" Meine Tante: "Was weißt du denn?" Nichts. Nur, dass es sinnlos war. Sie hatte sich festgelegt. Und sie hatte ihr Dorf sehr lange nicht verlassen. "Sollen die den jetzt entlassen, weil er zwar einen tollen Job macht, aber schwul ist?", fragte ich trotzdem nach. Aber da hatte sie schon mit ihrer Altersüberlegenheit aufgelegt, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ich noch so jung war und noch viel lernen musste. Das machte mich nachdenklich: Sie fällte ein unumstößliches Urteil über jemanden, den sie gar nicht kannte, und war nicht bereit, auch nur den leisesten Zweifel an ihrer Meinung zuzulassen. Was soll man da machen?
Ratlos, ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade