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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Radlers Leid


Ein ganz normaler Samstag auf dem Elbradweg in Dresden: Hunderte Fußgänger, die in Gruppen ab zwei Personen nebeneinander gehen, genauso wie viele Kinderwagenschieberinnen und Jugendliche mit fehlendem Raumempfinden. Das wäre unproblematisch, gäbe es nicht noch die Radfahrer, die es als Rentner ohne E-Bike gibt, die also bei voller Fahrt fast umfallen. Oder als Rentner mit E-Bike, die sich einem Geschwindigkeitsrausch hingeben, dem sie nicht gewachsen sind. Dazu kommen noch ein paar Nebeneinander-Sonntags-Genuss-Radler und ein paar Leistungssportler beim Training zum olympischen Zeitfahren. Ach so: Und mich, auf dem Rad und dem Weg von Arbeit nach Hause. Wie immer fahre ich dabei zügig, also schneller als die Fußgänger und langsamer als die Olympiahoffnungen. Obwohl ich, wie alle anderen auch, alle zwanzig Meter bremsen muss, bleibe ich relativ entspannt, denn es ist ja nicht nur mein Radweg.
An diesem normalen Samstag wurde ich also von zwei Topathleten überholt, einem Paar, wobei er das Tempo machte und sie dranzubleiben hatte, was aber nicht so kompliziert war, denn die beiden fuhren höchstens 25 km/h und mussten ebenso ständig bremsen. Darum war es nur logisch, dass ich problemlos hinter der (altersbedingt ehemaligen) Olympionikin blieb, die eben langsamer war, als die Ausrüstung vermuten ließ. Übrigens war ihr Hintern nicht der Grund dranzubleiben, sondern das bequeme Tempo. Irgendwann scherte ihr Begleiter aus und setzte sich zwischen uns, was ich als Trainingsmaßnahme einstufte, damit sie fortan das Tempo vorgeben konnte. Auch sein Hintern war mir egal und ich blieb trotzdem dran, weil es ja fast exakt mein Tempo war. Immer wenn sie vorn notgedrungen bremsen musste, weil der Platz neben dem Kinderwagen oder dem Spaziergänger zu knapp war, entfuhr ihrem Trainer ein kurzer wütender Laut, der mich vermuten ließ, dass ihre neue Bestzeit ernsthaft in Gefahr war. Gerade fing ich an, sie zu bedauern, dass ihr Partner so ein cholerischer Hund ist, da bemerkte ich bei ihm eine gewisse Unruhe auf dem Rad, so als könne er sich kaum noch zügeln. Es gab nur keinen offensichtlichen Grund... Plötzlich fing er an, etwas nachlässig seinen Speichel seitlich zu entsorgen. Gerade als ich mich fragte, ob er mich hinter sich vergessen hatte, fing er auch noch an, mal so richtig abzurotzen und mich beschlich das Gefühl, er machte es nicht, obwohl ich hinter ihm war, sondern gerade weil ich es war. Neben einem leicht verdutzten Gedankengang, der sich mit dem Zusammenhang von Testosteron, Radklamotten, Satteldruck und Hirn beschäftigte, gab es für mich keinen Grund, langsamer zu fahren, nur um ihn glücklich zu machen. Es gab auch keinen Grund, schneller zu fahren. Wer weiß, wie er damit umgegangen wäre. Vielleicht meinte er auch nur, ich würde seinen Windschatten nutzen, allerdings macht das bei Gegenwind sicher einen Sinn, aber selbst der fehlte. Also radelte ich weiter hinter ihm her, immer darauf gefasst, dass ihm was aus dem Kopf fällt. Er würde ja wohl noch sch... , dachte ich gerade, als er voll in die Bremsen ging und stand. Ich erschrak, bremste, versuchte, ihm nicht reinzufahren und konnte nur noch perplex rufen: „Was soll die Scheiße?“ Aber darauf war er gefasst, dreht sich nur kurz hasserfüllt um und machte, dass er fortkam.
So richtig verstanden habe ich die Aktion bis heute nicht, zumal selbst bei diesem Tempo ein Sturz sehr doof enden kann. Nur eins ist mir klar geworden: Sport ist nicht für alle gesund und in der Sonne kann es passieren, dass einem die Dattel völlig vertrocknet.
Passt auf euch auf! Ciao, euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade