Wein zum Essen
Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Dumm geguckt


Mitten in der Grillsaison ist mir großes Unheil widerfahren. Ich kann keine Bratwürste mehr in meiner Lieblingsfleischerei kaufen. Schuld ist mein Gesicht, und das ist so passiert: Ich gehe zu meiner Lieblingsfleischerei, um die bestellten Bratwürste abzuholen. Gleich 20 Stück. Aber keiner hat daran gedacht, sie sind vergessen worden. Da kommt mein Gesicht ins Spiel. Es muss sich verziehen. Denn gleich blafft die Fleischersfrau los: "Was gucken Sie denn so dumm?" Ehe ich antworten und mein Gesicht wieder in Form bringen kann, legt sie nach: "Wenn Ihnen das nicht passt, gehen Sie doch woanders hin!"
Wahrscheinlich gucke ich jetzt noch dümmer. Ich gehe seit mindestens zehn Jahren in diese Fleischerei und trage all die Kilo Fleisch, die ich dort erworben habe, brav am Leib. Das sehen alle, und es muss sich aufs Gesicht ausgewirkt habe. Wülste, die sich querlegen. Mittendrin befindet sich mein Mund, und der bewegt sich jetzt: "Aber was ist los? Sie sind doch sonst immer so freundlich."
"Wenn Sie so dumm gucken", schmettert die Fleischersfrau zurück. Jetzt hat sie es schon wieder gesagt. Also muss was dran sein. Ich bin trotzdem etwas beleidigt. "Das können Sie doch nicht machen", entfährt es mir. "Wieso?" "Sie können doch nicht einfach sagen, dass ich dumm gucke. Sie vergreifen sich da im Ton!" "So wie es von den Kunden kommt, so kommt es zurück!" "Ich habe doch gar nichts gesagt." "Wenn Ihnen das nicht passt, gehen Sie doch woanders hin!" "Ich will gar nicht woanders hin. Das wäre doch schade, wenn ich woanders hinginge. Das wollen Sie doch nicht wirklich!" Langsam wehre ich mich. Es nützt nichts. "Mir doch egal. Wenn Sie so dumm gucken!"
Inzwischen hat ihre Kollegin die 20 Würste doch noch gefunden. Es wäre an der Zeit, anders zu gucken. Zum Beispiel froh. Das packe ich nicht, wenn die Fleischersfrau gleich drei Mal das Gegenteil betont. Die Kollegin stellt eine Sektflasche auf die Theke. "Für gute Stammkunden!", sagt sie. Ich bleibe freundlich, bezahle und erkläre: "Nein, den Sekt müssen Sie behalten, ich bin seit gerade eben kein Stammkunde mehr. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag!" Zu der anderen Dame sage ich: "Ihnen kann ich leider keinen guten Tag wünschen!" "Mir doch egal", blafft sie zurück, aber ich sehe, dass es sie fuchst. "Gehen Sie doch woanders hin!" "Das mache ich", verspreche ich ihr mit meinem Wurstpaket unterm Arm und zähle mitten in meiner Ex-Lieblingsfleischerei drei weitere gute Fleischereien aus Erfurt auf, die ich der versammelten Kundschaft laut wärmstens empfehle. Dann verlasse ich den Laden mit eiligen Schritten.
Bis heute weiß ich nicht, was da geschehen ist. Ich könnte nachfragen gehen, was los war und welcher Ochse da wen getreten hat. Was der Auslöser war: Gammelfleisch, Rinderwahn, ein Wurstpaket ohne Absender? Da würde vielleicht die Fleischersfrau ein dummes Gesicht machen, wenn ich vor ihr stünde. Nur würde ich ihr das niemals sagen. So bin ich nicht.
Doch dafür müsste ich erstmal über meinen Schatten springen. Aber das schaffe ich nicht. Dafür bin ich viel zu schwer. Doch wenn ich nun keine Bratwürste mehr bei meiner Ex-Lieblingsfleischerei kaufen kann, wird sich das bald ändern. Und dann, wenn ich kein Wurstgesicht mehr habe und besser gucke, wagen wir den Neuanfang!


Kudernatsch liest:

12.07. Themar, Amtshaus


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC