Film 160x600_content
Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Einer für die Ewigkeit


Liebe Freunde,
gerade habe ich im Vorbeigehen am Zeitungskiosk auf der Titelseite einer Tageszeitung die Schlagzeile "Riesenrolltreppe verschluckt dicken Mann" gelesen! Na sowas, habe ich gedacht, Sachen gibt's, aber es hat mich nicht aufgeregt, kein bisschen, und soll ich Euch sagen warum? Weil etwas ganz und gar Unglaubliches geschehen ist, etwas Unfassbares, Gemeines. Wirklich. Ihr macht Euch ja kein Bild. Selbst eine andere Schlagzeile, wie "Leiche ist anscheinend den Berg heraufgeklettert und dabei tödlich verunglückt", lässt mich im Augenblick völlig kalt, weil ich wichtigere Probleme habe, ein wichtigeres Problem, um genau zu sein. Stellt Euch vor: Man hat den Briefkasten an der Ecke des Zeitungskioskes abmontiert! Genau an der Stelle, wo sie erst vor zehn Jahren den Kaugummiautomaten entfernt haben! Unfassbar, oder? Vor zehn Jahren den Kaugummiautomaten und jetzt den Briefkasten. Das geht aber Schlag auf Schlag, habe ich gedacht, hier hat sich ja jemand vorgenommen, gründlich reinen Tisch zu machen! Aber so groß mein Entsetzen auch gewesen ist: Der Briefkasten war definitiv weg. Von heute auf morgen.
Ich konnte es nicht fassen. Dabei war er sozusagen mein Lieblingsbriefkasten. Weil er so schön war. Und so zuverlässig. Ich habe Zeit meines Lebens alle Briefe, Postkarten, Telegramme und E-Mails dort eingeworfen. Säckeweise habe ich meine Korrespondenz über diesen Briefkasten abgewickelt. Nie ist etwas zurückgekommen. Angekommen ist auch nicht alles, aber sei's drum. Es gab keinen Briefkasten, der so gelb wie er gewesen wäre. So gelb und so stabil. Das ist ein Briefkasten für die Ewigkeit, habe ich immer gesagt. Den gibt es noch, wenn es die Post nicht mehr gibt. Und jetzt ist er nicht mehr da. Ich weiß nicht, ob jemand nachvollziehen kann, was für eine Lücke sein Verschwinden in meine Welt gerissen hat. Aber es ist die allergrößte Lücke gewesen. Weil ich nicht mehr gewusst habe, was ich nun mit den Briefen und Postkarten anfangen soll, die ich von morgens bis abends schreibe. Beschwerdebriefe, Geschäftsbriefe, nur keine Liebesbriefe. Die sind mir zu peinlich. Weil ich mir immer vorstelle, der Briefkasten könnte sie lesen. Einige Tage lang habe ich trotzdem meine Post zum Briefkasten an der Ecke zur gebracht. Rein automatisch. Und dann habe ich mit einer Hand voller Briefe vor dieser kahlen, raugeputzten Wand gestanden und ins Leere gestarrt. Jawohl, ins Leere! Denn da war nichts mehr! Kein Einwurfschlitz, keine Klappe, kein Schild mit den Leerungszeiten, kein Posthorn auf der linken und der rechten Seite. Es war die Hölle. Wo um alles in der Welt werden sie ihn hingebracht haben, habe ich mich gefragt, wohin? Ich war so verzweifelt.
Warum sind die Menschen nur so grausam? Was kann es denn für einen Grund geben, so etwas Schönes wie einen Briefkasten zu entfernen? Und dann bin ich auf den Gedanken gekommen, dass er ja vielleicht wiederkommt, wenn ich ihm regelmäßig Post bringe, wenn er merkt, dass er gebraucht wird? Geholfen hat das natürlich nicht. Das wird mit allem passieren, habe ich schließlich gedacht, mit allem, was größer als ein Handy ist. Mit Kaugummiautomaten und Briefkästen fängt es an, und dann sind irgendwann die Kaffeeautomaten dran, und zuletzt die Zeitungskioske selber. Und dann werde ich nie mehr Schlagzeilen wie "Betrunkener versucht, mit Alkoholtestgerät zu telefonieren!" oder "Online-Süchtige finden oft Hilfe im Netz" oder "Mann auf Damenfahrrad erwischt" im Vorbeigehen lesen können. Einfach schrecklich, oder?
Euer Doktor Thurn Taxis Winter