Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Menschen auf Inseln


Liebe Freunde,
manchmal frage ich mich, warum manche Menschen auf Inseln leben und andere an Autobahndrehkreuzen und andere im warmen Süden und wieder andere im kalten Norden, und ob es eine Bestimmung dafür gibt, dort zu sein, wo man ist, und ob es überhaupt eine Bestimmung für irgendetwas gibt, oder ob alles, was geschieht, reine Willkür, Chaos, Zufall ist. Eine Insel ist allerdings nicht der schlechteste Platz zum Leben. Eine Insel im Süden, Korfu zum Beispiel.
Wenn man in Korfu am Strand steht und über die in der Sonne glitzernden Wellen hinweg blickt, kann man die Berge Albaniens sehen. Das ist sensationell. Wenn man in Korfu die Straße zum Englischen Friedhof entlanggeht, stinkt es nach Benzin und Öl, und alle Pflanzen sind verwelkt und trockene Blätter werden vom Wind am Straßenrand aufgehäuft, und sämtliche Autos sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt und sehen aus, als wären sie zehn Jahre nicht bewegt worden. Aber irgendwie ist das völlig in Ordnung, und wenn man will, kann man auch das schön finden. Es gibt schließlich verschiedene Arten von Schönheit. Die eines in der Sonne glitzernden Meeres und die einer staubigen Straße. Es kommt immer auf die Sicht der Dinge an und auf das Lebensgefühl. Und das Lebensgefühl ist auf Korfu ein anderes. Ein bisschen entspannter als in Chemnitz. Entspannt bedeutet nicht glücklich. Ich glaube nicht, dass alle Menschen auf Korfu immer glücklich sind. Abseits der Promenade wirken die Straßenzüge mitunter schon ein wenig mitgenommen und ramponiert, auch wenn jeder Klempner oder Hausmeister den Zusatz "international" im Firmennamen führt und die kleinen Lebensmittelgeschäfte "Super Deal Market" heißen. An viele Wände sind Hammer- und Sichel-Symbole und durchgestrichene Euro-Zeichen gesprayt. Nein, um immer glücklich zu sein, muss man irgendetwas Apothekenpflichtiges nehmen. Aber entspannt sind die Leute hier trotzdem. Man erledigt die meisten Dinge gemeinsam und macht zwischendurch ein paar Späße, auf griechisch, versteht sich. Im Linienbus zum Beispiel.
Im Linienbus sind für die Fahrt von Korfu nach Paleokastritsa drei Herren angestellt: Ein Fahrer, ein Fahrkartenverkäufer und einer, der dem Busfahrer zuruft, wohin er fahren muss. Und im Kassenhäuschen des Herrensitzes, in dem Prinz Philip geboren wurde, arbeitet eine junge Frau, nur um den Besuchern mitzuteilen, dass die Besichtigung keinen Eintritt kostet. Wenn man von einer der beiden Festungen zurück in die Stadt geht, hängt bei einem der Händler auf dem Fischmarkt ein Foto von Jackie Onassis mit einem Einkaufskorb voller Hummer an der Wand, und in den Cafés sitzen mindestens hundertjährige Männer und Frauen und rauchen Zigaretten. Überall, auf der Straße, vor Geschäften, auf dem Boden von Cafés, liegen schlafende Hunde. Manchmal vibriert ihr Fell oder zuckt eines ihrer Ohren. Daran merkt man, dass sie noch am Leben sind. Hin und wieder kommt jemand, um sie auszuführen. Er bindet ihnen ein Halsband um und zieht sie hinter sich her. Sie lassen es mit sich geschehen, viele von ihnen wachen dabei nicht einmal auf. Sie lassen sich ein Stück durch die Stadt schleifen, und bleiben dort liegen, wo ihnen das Halsband wieder abgenommen wird. Niemand ist so entspannt wie Korfus Hunde, und soll ich Euch etwas sagen? Es muss wunderbar sein, wenn man die Bestimmung hat, auf einer Insel wie Korfu zu leben!

Euer Doktor Sorbas Theodorakis Winter